«Ich bin einfach so reingerutscht»

Der ehemalige Spitzenfahrer Roland Salm (rechts), Schweizer Strassenmeister der Jahre 1974, 1975, 1976 und 1977, beglückwünscht Claudio Imhof zum zweiten Rang im Super-Sprint-Rennen. In der Mitte der Sieger Manuel Zobrist.Der ehemalige Spitzenfahrer Roland Salm (rechts), Schweizer Strassenmeister der Jahre 1974, 1975, 1976 und 1977, beglückwünscht Claudio Imhof zum zweiten Rang im Super-Sprint-Rennen. In der Mitte der Sieger Manuel Zobrist.

Claudio Imhof ist ein Mann ohne Dünkel, ohne auch nur einen Anflug von Starallüren. Und dies, obwohl er als Radrennfahrer einen unerhörten Palmarès vorzuweisen hat.

Vor wenigen Minuten hat Claudio Imhof im Brugger Schachen das Hauptrennen ungefährdet gewonnen. Jetzt sitzt er in der Festwirtschaft, locker, entspannt und ohne dass ihm die Anstrengung anzumerken ist. Sehr viel Zeit bleibt nicht für das Gespräch. Beinahe mitten im Satz springt er auf, greift sich sein Rennrad und eilt zum Start. Er soll ja nochmals fahren, wobei diesmal nur noch die Bestplatzierten früherer Rennen zugelassen sind. Claudio lässt sich auch diesmal nicht lumpen und fährt als Zweiter ins Ziel. Und da ist er schon wieder, verschwitzt, aber nicht abgekämpft: «Wo waren wir stehen geblieben?»

Claudio Imhof hat unzählige vordere und vorderste Plätze an Radrennen errungen. Allein im Jahr 2015 hat er über 100 Rennen bestritten. Das wertvollste Resultat datiert vom 16. Oktober: An der Europameisterschaft im Punktefahren gewann er die Bronzemedaille. Wenige Monate später, am 2. März 2016 nahm er an der Bahn-Weltmeisterschaft in London teil. Er bestritt dabei drei Rennen und beendete das Scratch-Race als Dritter! Und heute nimmt er an den Brugger Abendrennen teil. – Ein unglaublicher Sportsmann!

Kurz vor dem Startkommando ein Händedruck: «Ja klar, nach dem Rennen habe ich Zeit. Ich komme zur Festwirtschaft.» – «Achtung, fertig, los!» Die Athleten treten in die Pedale, die rasierten Wädli spannen sich, die Schaltungen knacken,  – und weg sind die Rennfahrer.

Kurz nach der Siegerehrung hat Claudio Imhof wieder Platz genommen. Das Interview wird fortgesetzt.

Kurz nach der Siegerehrung hat Claudio Imhof wieder Platz genommen. Das Interview wird fortgesetzt.

«Der Radsport ist mein Leben»
Claudio, was führt dich nach Brugg?
Nach einer längeren Verletzungspause will ich meine Form wieder aufbauen. Da bilden die Brugger Abendrennen eine besonders gute Gelegenheit, den Rennrhythmus wieder zu finden. Ein solches Punktefahren mit den explosiven Antritten ist genau das, was ich im Hinblick auf den Saisonhöhepunkt brauche.

Saisonhöhepunkt?
Ja, im kommenden Oktober findet in Paris die Bahn-Europameisterschaft statt. Da will ich unbedingt wieder im Vollbesitz meiner Kräfte sein.

In welcher Disziplin wirst du starten?
Das steht noch nicht fest. Diese Entscheidung muss der Nati-Trainer treffen.

Wie bist du auf die Brugger Abendrennen aufmerksam geworden?
Mein langjähriger Trainings- und Rennpartner Silvan Dillier erzählte mir schon vor längerer Zeit von dieser Trainingsmöglichkeit, die er selber regelmässig nutzte. So kam ich schon vor Jahren erstmals in Kontakt mit der Rundstrecke im Geissenschachen. Die Rennen sind gut organisiert, sie finden in schöner Umgebung statt, und die Zuschauer können fast die ganze Strecke einsehen und so den Fortgang der Rennen zu jedem Augenblick mitverfolgen. Nach einem verletzungsbedingten Unterbruch musste ich meinen Trainingsrückstand aufholen, und da fiel mir die Startgelegenheit im Brugger Schachen wieder ein. Heute Morgen habe ich in der Region Bielersee trainiert, und nach dem Rennen fahre ich mit dem Auto heim nach Sommeri in der Nähe vom Bodensee. Da liess sich «Brugg» problemlos einbauen.

Du hast schon von den explosiven Antritten gesprochen. Welche weiteren Elemente trainierst du hier?
Im Vordergrund steht wohl die Tempohärte. Wenn ich allein unterwegs bin, kann ich das niemals so gut trainieren wie bei einer rennmässigen Veranstaltung, wo immer ein beachtlicher Durchschnitt gefahren wird. Es geht um die Belastung des Körpers bei solch hohen Tempi. Dabei ist es wichtig, offensiv zu fahren und sich nicht einfach im Pulk mitziehen zu lassen. Das Resultat steht also nicht unbedingt im Vordergrund. Ich schöpfe auch Selbstvertrauen, wenn ich nicht gewinne, aber mit meiner Trainingsleistung zufrieden bin.

Stichwort offensiv fahren: Hast du nicht Angst vor Stürzen und Verletzungen? In den Kurven geht es ja geradezu halsbrecherisch zu und her.
Ich habe schon an so vielen Rennen teilgenommen, dass ich einen gewissen Instinkt entwickelt habe. Die Erfahrung lehrt mich erkennen, welche andern Fahrer routiniert sind. Ich achte darauf, dass ich mich nicht hinter einem unsicheren Fahrer einreihe. Grundsätzlich bin ich ganz und gar kein aggressiver Mensch. Ich fahre mein Rennen, ohne die Konkurrenten irgendwie zu behindern. Wenn aber einer gezielt die Ellbogen ausfährt, weiss ich mich zu wehren.

Wie gehst du in ein grosses Rennen? Tunnelblick?
Nein, darin unterscheide ich mich von vielen andern Rennfahrern. Ich gehe unbelastet an den Start, wenn auch oftmals ziemlich nervös. Ich wechsle noch ein paar Worte mit dem einen oder andern Fahrer. Und spätestens wenn der Start freigegeben ist, fällt auch die Nervosität ab.

Wie bist du überhaupt zum Radsport gekommen?
Ich habe schon in jungen Jahren die Tour de Suisse und die Tour de France am Fernsehen verfolgt. Das hat mich dazu animiert, es auch mal auszuprobieren. Im Keller stand ein altes Rennrad von meinem Vater. Ich holte es herauf und fuhr damit meine ersten Kilometer. – Ich bin also einfach so reingerutscht.

Du bist Rennfahrer. Das ist ein Beruf, bei dem es letztlich nur um dich geht. Hast du nie daran gedacht, einen Beruf zu wählen, bei dem du etwas leistest, das den Menschen einen Nutzen bringt? Maurer zum Beispiel oder Gärtner oder Lehrer oder Pfarrer?
(lächelt und denkt einen Moment nach) Diese Frage stellt sich im Moment nicht für mich. Der Radsport ist mein Leben. – Ja, der Radsport ist definitiv mein Leben!

Was macht Claudio Imhof heute in 20 Jahren?
In 20 Jahren? Tja, dann wäre ich gerne Nati-Trainer. Das würde mir Freude machen.

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