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Nachfolge als Charaktersache

Wenn sich der Chef aus der Geschäftsleitung zurückzieht und als «einfacher Mitarbeiter» in der Firma bleibt. Wenn zwei Kaderleute gemeinsam das Steuer der Firma übernehmen. Wenn jener «einfache Mitarbeiter» weiterhin Präsident des Verwaltungsrates bleibt. – Neue Kompetenzen, neue Rollenverteilung. Handlungsbedarf! So geschehen bei Werder Feinwerktechnik in Veltheim.

 

«Es ist nie zu früh.» Das sagt Carla Kaufmann, die sich beruflich und persönlich seit Jahren mit Fragen zur Nachfolge befasst. Gemeint ist die Nachfolgeregelung in Unternehmen. «Es ist nie zu früh, sich ernsthafte Gedanken darüber zu machen.»

Kaufmann beginnt laut zu denken. «Alle Beteiligten übernehmen innerhalb des Unternehmens eine neue Rolle. Dessen müssen sie sich unbedingt bewusst sein und die alten Muster ablegen. Ein anspruchsvoller Prozess!» – «Die Nachfolge regelt man nur ein einziges Mal im Leben. Der oder die Betroffene verfügt über keinerlei Erfahrungen in dieser Sache. Deshalb empfiehlt es sich unbedingt, einen Experten zuzuziehen, der Unnötiges von Unabdingbarem unterscheidet und eine erfolgversprechende Vorgehensweise kennt. Eine Person, zu der man uneingeschränktes Vertrauen hat.»

*

Hans-Georg Hettich ist der in die Nachfolgeregelung einbezogene Coach, Vertrauensmann von Claude Werder. Im Unterschied zum Treuhänder, der rechtliche und finanzielle Fragen klären hilft, fokussiert Hettich auf die menschliche Ebene. Denn jetzt werden die Karten neu gemischt. Die Untergebenen sind nun Vorgesetzte. Sie treffen weit reichende Entscheidungen. Der frühere Chef sitzt oder steht fortan in der Werkhalle, löst sich von manchem Bürokram, kehrt zu seinen beruflichen Wurzeln zurück. Das Steuer haben die Neuen übernommen, wörtlich und symbolträchtig im Rahmen eines Mitarbeiter-Anlasses.

Hettich mag Symbole. Er hat die drei Betroffenen zu langen Aktionstagen eingeladen, die spielerisch-ungewohnt begannen. Am Ende standen die Richtlinien und das «Feintuning» fest. Verbindliche Absprachen. Denn: Was, wenn die Entscheidungskompetenzen nicht festgelegt wären? Was, wenn die Neuen die Marschrichtung des Unternehmens ändern? Was, wenn eines schönen Tages Produktionsstandorte in Niedriglohnländern in Betracht kämen, Stichwort Gewinnmaximierung?

Carla Kaufmann
Hans-Georg Hettich

«Herr Hettich, ganz provokativ: Angenommen, der VR-Präsident bringt in der Rolle des Mechanikers nicht die geforderte Leistung. Er produziert zu viel Ausschuss, hinkt tempomässig weit hinterher. Was dann? Erhält er dann von den neuen Geschäftsführern den blauen Brief?» – «Nein, sicher nicht. In einem solch extremen Fall müsste man sich zusammensetzen und über eine neue Aufgabenzuteilung sprechen.»

«Frau Kaufmann, was halten Sie für elementar in einer neuen Firmenkonstellation?» – «Das Gespräch. Ich würde die Kommunikation zwischen dem bisherigen CEO und seinem Nachfolger institutionalisieren, mindestens in der Übergangszeit. In aller Offenheit soll alles auf den Tisch kommen. Keine Tabus. Letztlich ist es eine Charaktersache, wie die Beteiligten mit der neuen Situation umgehen.»

Genau das setzt Hettich um. «In einigen Wochen werden wir zurückblicken: Was ist seither geschehen? Sind die Zielvorgaben realistisch? Müssen wir über Anpassungen sprechen?» Hettich erwägt ein vierteljährliches Reporting. Dabei kommt den Zahlen und Fakten das gleiche Gewicht zu wie den Emotionen: Wie fühlen wir uns? Wie schwer lastet die Verantwortung? Drängt sich ein Coaching auf? «Ich werde den Prozess während der ganzen Übergangszeit begleiten.»

Allen Beteiligten ist bewusst: Dieser Prozess ist kein einfaches Kippen des Schalters. Schwierig, herausfordernd und deshalb spannend. Aufbruch zu neuen Ufern. – Die Segel setzen! Der Wind ist günstig! Die Neuen haben das Steuer übernommen. Claude Werder gab es ihnen in die Hand – wörtlich!

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Alles fliesst

«Panta rhei», alles fliesst. Ein Gedanke, den der griechische Philosoph Heraklit formuliert haben soll. Das war vor 2500 Jahren. Die Aussage gilt immer noch. Jede Form von Lebenswirklichkeit wandelt sich permanent: ein Ortsbild ebenso wie unsere Rechtsauffassung, unser Äusseres ebenso wie die Strukturen einer Firma. Manches realisieren wir erst aus zeitlicher Distanz; anderes wird schnell augenfällig.

*

Weg von allem. Neues kennenlernen. Vier Wochen lang bereiste Firmenchef Claude Werder mit seiner Frau das andere Ende der Welt. Ihre Reise fiel in eine Zeit des Umbruchs. Der Wechsel in der Geschäftsleitung bedeutet einen Meilenstein in der Chronik von Werder Feinwerktechnik AG.

«Australien – ein lange gehegter Traum. Jetzt war der Moment gekommen. Unser Sohn weilt für eine Weiterbildung in Sydney. Da wollten wir ihn besuchen.»

«Etwas Neues kennenlernen. Die ungeheuren Dimensionen erleben. Das Fremde wahrnehmen und es dem Bekannten gegenüberstellen. Das Vertraute aus grosser Distanz betrachten und beurteilen.»

Eine Zäsur
«Fast wie von selbst erwies sich der Zeitpunkt der Reise als besonders passend. Schon seit mehreren Jahren hatte ich mich mit der Nachfolgeregelung unserer Firma befasst. Es widerstrebte mir, jemand Externen für die Geschäftsleitung zu suchen. Da zeigte sich eine erfreuliche Lösung. Zwei langjährige Mitarbeiter des Kaders waren bereit, die Verantwortung für das Geschäft und damit auch für die Mitarbeitenden zu übernehmen. In langen Gesprächen festigte sich die Überzeugung: Wir ticken gleich, haben die gleichen Wertvorstellungen. Das Geschäft ist in seiner gradlinigen Entwicklung gesichert. Nur wenige Tage nach dem Wechsel in der Geschäftsleitung sass ich mit meiner Frau im Flugzeug. Unterwegs nach Australien.»

«Ich reiste in der Gewissheit nach Australien: Das kommt gut. Ich kann ohne jegliche Bedenken loslassen. Mich innerlich und räumlich entfernen. Die Nachfolger erhalten Gelegenheit, sich in ihre neue Rolle hineinzuarbeiten, Entscheidungen zu fällen.»

Überraschung
«Der Begriff Präzision spielt in meinem Berufsleben eine zentrale Rolle. Er ist für mein Tun und Denken prägend. Dass ich ihm in Australien begegnen würde, hätte ich nicht erwartet. – Vom geheimnisvollen Uluru-Felsen bis nach Alice Springs sind es beinahe 500 Kilometer. Irgendwo unterwegs gibt es eine Strassenkreuzung. Dort wollte sich unser Buschauffeur mit seinem Kollegen treffen, der auf der andern Strasse unterwegs war. Einige Passagiere sollten umsteigen. Wir dachten: Na super, das gibt bestimmt eine längere Warterei am Strassenrand. Aber wir irrten uns. Kaum hatten wir die Kreuzung erreicht, stand auch schon der andere Bus da. Präzis auf die vereinbarte Zeit. Und dies bei aller Gelassenheit der Akteure. Der ganze Wechsel, Gepäckumschlag inklusive, dauerte höchstens zehn Minuten. – Das beeindruckte mich: Präzision in den Weiten dieses Riesenlandes!»

«Altes Eisen, dazu zähle ich mich noch lange nicht.»
«Unendlich schön finde ich, dass ich es in so kurzer Zeit zusammen mit meinen Nachfolgern geschafft habe, die Geschäftsleitung zu übergeben.»
«Unkompliziert funktioniert es auch in unserem Betrieb (wenn wir nur nicht so viele Vorschriften und Gesetze hätten).»
«Eng wird es oft, wenn eine Unternehmung erfolgreich ist (hier heisst die Unternehmung Sydney).»
«Three sisters oder drei, die gleich ticken.»
«Irgendwo in dieser Weite mussten einige Leute den Bus wechseln.»

Darauf freut sich Claude Werder: wieder vermehrt als Mechaniker an der Bearbeitungsmaschine.

Es funktioniert
«Ich freute mich auf mein Zuhause und auf die Arbeit im Geschäft. Aber es war doch ein anderes Heimkehren als nach früheren Ferienabwesenheiten. Was würde ich antreffen?»

«Ich merkte: Es läuft! Die Neuen hatten Entscheidungen getroffen und ihre erweiterte Verantwortung wahrgenommen. Und ich? Ich spürte, dass mein Rucksack leichter geworden ist. Vieles vom ganzen Bürokram ist mir abgenommen. Ich darf mich jetzt wieder vermehrt in meinem angestammten Beruf als Mechaniker bewegen. Bin ich ein anderer Mensch geworden? Messe ich das Leben mit andern Massstäben? – Vielleicht. Zweifellos wirkt Australien nach. Ich bin gespannt.»

«Ich muss mich jetzt in meiner neuen beruflichen Wirklichkeit zurechtfinden. Immer wieder denke ich an meinen Vater, der über die gleiche Situation sagte: ‚Die Jahres des Loslassens waren die glücklichste Zeit meines Berufslebens.’ Hoffentlich empfinde ich dasselbe.»

«Die Entwicklung geht weiter. Neue Menschen und neue Wirklichkeiten werden kommen.» – Panta rhei, alles ist im Fluss.

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Bilder einer Firma

Jener Mann, der im Übergwändli in der Werkhalle unterwegs ist, will nichts Besonderes sein. Starke Persönlichkeiten benötigen kein gestärktes Hemd, um als Chef respektiert zu werden. Claude Werder unterscheidet Vordergründiges von wahrhaft Wichtigem. Er stellt seine Leute an topmoderne Maschinen. Er traut ihnen zu, absolut präzise Arbeit im Tausendstelbereich zu leisten. Er behandelt sie nicht als «Untertanen», sondern als Menschen mit Berufsstolz. Er anerkennt ihre Leistungen und betrachtet die zugesprochenen Preise als Verdienst des ganzen Teams.

Ohne Zweifel liegt in all dem einer der wichtigsten Gründe für den Erfolg der Werder Feinwerktechnik. Seit 60 Jahren behauptet sich Samuel Werder AG in guten wie in schwierigen Zeiten auf dem Markt. Zuerst in Schinznach-Bad, seit 2000 in Veltheim. Die Firma hat sich einen Namen geschaffen, der bis ins benachbarte Ausland gedrungen ist. Das erwirtschaftete Kapital wandert nicht in die Schatulle der Chefetage, sondern wird umgehend in die Firma reinvestiert. Neuerungen aufgeschlossen und willens, den Qualitätsstandard auf höchstmöglichem Niveau zu halten: das zeichnet die Firma ebenso aus wie ein entspanntes Betriebsklima. Es gilt als Privileg, bei Werder zu arbeiten.

Die nachfolgende Bildstrecke mag das illustrieren.

Firmengründer Samuel Werder mit Gattin Elisabeth. Aufnahme 2007 anlässlich «50 Jahre Samuel Werder AG».

Aus den frühen Jahren: Die mechanische Werkstatt der Samuel Werder AG am alten Standort in Schinznach-Bad.

Ab 1998 liegt die Leitung der Firma in der Verantwortung von Claude Werder.

Claude Werder liefert in der Rolle eines Chauffeurs einen Auftrag aus. Der Lagerist ruft: «Du kannst die Ware dort abladen.» – «Nicht zuerst durch eure Kontrolle?» – «Nicht nötig. Werders Arbeiten sind immer in Ordnung.»

2008 wird die Firma Werder mit dem Sozialpreis der Aargauer Landeskirchen ausgezeichnet. Firmengründer Samuel Werder (Bildmitte) nimmt den Preis entgegen.

Eines von vielen Teilen, für die Humanchirurgie und die Veternärmedizin: ein Implantat für Hunde. Es hilft, eine schlechte Beinhaltung zu korrigieren und Hüftproblemen vorzubeugen.

Im Jahr 2013 wird die Firma Werder mit dem This Priis für die berufliche Integration von Menschen mit einer Behinderung ausgezeichnet.

Die neue Werkhalle – hier ein Panoramabild aus der Bauphase – wurde im Jahr 2015 eingeweiht.

Der Solothurner Künstler Paul Gugelmann stellt etwa ein Dutzend seiner Werke bei Werder aus, hier «Der Lauf der Welt». Claude Werder sagt: «Uns verbindet die Freude an der Feinmechanik und der Wille zur Präzision.»

Ein Werkstück für die Feinstmesstechnik: Windschutzring aus Aluminium für Hochpräzisionswaage, die im Millionstelgramm-Bereich messen kann.

Immer wieder besuchen Firmenvertreter, Behördenmitglieder und weitere interessierte Personen den Betrieb.

2015 gewann Samuel Werder AG den Aargauer Unternehmenspreis. Der Erfolg der Firma ist nicht zuletzt auf das gute familiäre Einvernehmen zwischen den Generationen zurückzuführen.

Für ein Laserstrahl-Gehäuse stellte Werder ein komplexes, vernickeltes und vergoldetes Aluminium-Teil her. Bemerkenswert: Die Bohrung ist nicht rund, sondern elliptisch.
Der Maschinenpark wird laufend erneuert und erweitert. 2015 wird ein neues Fräs-Bearbeitungscenter angeliefert.

Lasertechnik bei Werder: Beschriftung eines neu hergestellten Werkstücks.

André Stäger wird per Ende März 2017 zum neuen Geschäftsführer und Technischen Geschäftsleiter befördert.

Raphael Vögtli ist seit Ende März stellvertretender Geschäftsführer und gleichzeitig Kaufmännischer Geschäftsleiter.

So präsentieren sich die Firmengebäude der Firma Werder Feinwerktechnik AG im Jahr 2017.

Wo gearbeitet wird, fliegen Späne und Tropfen – so wird es auch in Zukunft in der Firma Werder der Fall sein.

Anlässlich der Verleihung des Aargauer Unternehmenspreises im Jahr 2015 vernahm das Auditorium einige hard facts zur Firma Samuel Werder AG: «Das Familienunternehmen steht in der zweiten Generation seit 1957 für Präzision, hohe Produktivität, Flexibilität und Zuverlässigkeit. Die Firma hat sich als Zulieferer anspruchsvoller Dreh- und Frästeile für die Hightech-Industrie spezialisiert. Dank hochqualifizierten Mitarbeitenden und einem topmodernen Maschinenpark von derzeit 71 CNC-Bearbeitungs- und 5 CNC-Messmaschinen auf einer Produktionsfläche von 4500 m2 erfüllt die Samuel Werder AG höchste Qualitätsansprüche. Für den Nachwuchs an Fachkräften sorgt die Ausbildung von 6 Polymechaniker-Lernenden.»

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Der sanfte Schwerstarbeiter

Eine Kaffeemaschine. Zusammengesetzt aus vielen Einzelteilen. Ein besonders genau gearbeitetes hat die Firma Werder Feinwerktechnik produziert. Ein einzelnes Glied nur in der Kette. Wenn dieses eine Werkstück seinen Dienst versagt, funktioniert die Maschine nicht. Ein ganz grosses Unglück ist das nicht, ärgerlich aber allemal. Und geschäftsfördernd bestimmt nicht.

Ganz anders liegen die Dinge bei einem Auftrag für die Flugzeugindustrie oder die Medizinalbranche. Im schlimmsten Fall geht es da um Leben und Tod. In den meisten Fällen kennt man bei Werder die Funktion der bestellten Einzelteile nicht. Der Kunde liefert in elektronischer Form eine auf den Mikrometer genaue Vorlage mit allen Eigenheiten: Material, Oberflächenbeschaffenheit, Toleranzen u. a. Jetzt liegt der Ball bei Werders Polymechanikern. Sie übertragen die Kundendaten in ihre CNC-Maschinen. Diese stellen dank ihrer modernen Steuerungstechnik hoch präzise Werkstücke automatisch her. Auch solche mit komplexen Formen.

Katastrophale Folgen
Zurück zur Flugzeugindustrie. Angenommen, das bei Werder produzierte Werkstück sei Teil des Triebwerks eines Düsenjets. Dieses eine kleine Bestandteil funktioniere aufgrund von Ungenauigkeiten im Herstellungsprozess nicht wunschgemäss. Es entsteht Reibung, Hitze. Bei den ungeheuren Kräften, denen das Werkstück im Jetbetrieb ausgesetzt ist, kommt es zum Bruch. Metallteile schleudern durch die Turbinen-Schaufeln. Die Folgen sind absehbar.

Weniger spektakulär, aber ebenso fatal wirken sich Produktionsfehler in der Medizinaltechnik aus. Werder hat Teile für Endoskope und für Blutanalysegeräte hergestellt. Patienten, Ärzte und Laboranten sind gleichermassen darauf angewiesen, dass diese Geräte einwandfrei funktionieren.

Der Messraum im Zentrum
Präzision ist alles. Feinwerktechnik funktioniert nur mit kompromisslosem Fokus auf der Präzision. Bis hin zum tausendstel Millimeter. Um das sicherzustellen, verfügt die Firma Werder über einen zentral angeordneten Messraum, quasi das Herz des Betriebs. Jedes Erststück wird genauestens vermessen. Doch damit nicht genug. Auch für die Produktionsphase regelt ein Prüfplan stichprobenartige Zwischenkontrollen. Deren Zahl hängt von der verlangten Genauigkeit, vom Material, vom Bearbeitungsgrad und von der Komplexität des Werkstücks ab.

Der Messraum ist auf einem eigenen Fundament aufgebaut, abgetrennt von jenem der Werkstatt. Somit sind störende Einflüsse ausgeschlossen. Der Raum ist klimatisiert bei einer konstanten Temperatur von 20°. Verschiedene Typen von Messgeräten liefern Daten zur Genauigkeit der Form, zur Oberflächenbeschaffenheit des Werkstücks, zu seiner Temperatur und zum Sauberkeitsgrad.

Der Messtechniker Luis Felix «regiert» dieses Reich. Als Quereinsteiger ist er vor elf Jahren zur Firma gestossen. Innert kürzester Zeit hat er sich ein profundes Fachwissen zu den unterschiedlichen Messgeräten und ihrer Anwendung angeeignet. Firmeninhaber Claude Werder sagt über ihn: «Er gehört zu den wichtigsten Mitarbeitern unseres Unternehmens. Wenn man uns als verlässlichen Partner kennt, ist das nicht zuletzt ihm zu verdanken.»

André Stäger am Steuer des Gabelstaplers hebt ein grosses Paket aus dem Lastwagen

Mit grösster Sorgfalt bringt André Stäger das «Ding» in die Werkhalle von Werder Feinwerktechnik. Im Hintergrund beobachtet Luis Felix das Geschehen

Alles ist ausgepackt und am vorgesehenen Standort im Messraum installiert: Die neue Koordinatenmessmaschine, bestehend aus dem Messteil (rechts; im Zentrum ist der nadelförmige Taster zu sehen) und dem Computersystem

Vorbereitung des Messprozesses: Luis Felix hat die ringförmige Aufpressbüchse im Dreibackenfutter fixiert
Am Touchscreen erscheinen die vom Kunden verlangten Daten

Der Tasterkopf senkt sich ab und ortet das zu vermessende Werkstück

Der Messvorgang läuft
Auf dem Bildschirm erscheinen die vermessenen Punkte. Im blauen Bereich sind die Toleranzwerte überschritten

Messtechniker Luis Felix

Der rotviolette Messtaster
Luis weist auf eine Neuakquisition hin, eine sogenannte Koordinatenmessmaschine der neusten Generation. Es ist bereits die Vierte ihrer Art, aber sie kann etwas Entscheidendes mehr als ihre drei «Kolleginnen»: Sie kann «scannen». Das bedeutet noch höhere Genauigkeit der Messresultate und das in viel kürzerer Zeit. Der «fühlende» Messkopf eruiert innert kürzester Zeit Tausende von Messpunkten des Werkstücks. Schwungvoll tastet er sich vorwärts über Flächen und Konturen, übermittelt dabei in Sekundenbruchteilen jede gescannte Position. Der Computer vergleicht die Messergebnisse mit der Vorlage und macht allfällige Abweichungen sichtbar.

Luis ist in seinem Element. Er spannt ein ringförmiges Werkstück ein, eine Aufpressbüchse mit einem Durchmesser von vielleicht fünf Zentimetern. Lautlos bewegt sich der rotviolette Messkopf. Das Computerbild zeigt: Es gibt tatsächlich eine Stelle mit abweichenden Messergebnissen. Inakzeptabel. Der Polymechaniker muss nachjustieren.

Das Flugzeug stürzt nicht ab. Das Endoskop arbeitet perfekt. Das Blutanalysegerät liefert verlässliche Daten. Und die Kaffeemaschine einen wunderbaren Espresso. Auch dank Werders Messgeräten.

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Nur bitte keine Lunker!

«Ich bin nur dann top, wenn meine Geschäftspartner es auch sind», sagt Claude Werder, Inhaber und Geschäftsführer der Firma Werder Feinwerktechnik in Veltheim. «Einer unserer Zulieferer ist die Firma Wizol in Sarmenstorf.»

*

Philippe Widmer öffnet den Durchgang vom Bürotrakt zur Werkstatt. «Bitte treten Sie ein.» Konzentriertes Arbeiten. Jeder an seinem Platz, fokussiert auf seine Maschine, auf sein Werkstück, auf seinen Arbeitsvorgang. Grosse, kräftige Männer, freundliche Gesichter. Es ist warm – logisch! Wir sind ja in einer Giesserei. Der Geschäftsführer der Wizol geht voran.

Die Mitarbeiter wissen, worauf es ankommt. Die meisten sind seit langen Jahren bei Wizol tätig. Mit einer Kelle schöpft der Giesser flüssiges Aluminium, rund 720 Grad heiss, hellsilbrig glänzend. Er lässt es in den Gussformen, den sogenannten Kokillen, versickern. Da ist eine ruhige Hand gefragt, ein gleichmässiger Ausguss. Die Art und Weise des Giessens beeinflusst die Temperatur, das Abkalten des Aluminiums. Und dies wiederum hat Auswirkungen auf das Resultat des Gusses. Gelassenheit statt Hektik!

Der Giesser stellt sich neben seine Gerätschaften. Er tut nichts, wartet einfach. Ein Timer sagt ihm ganz genau, wann sich das Aluminium genügend verfestigt hat. Ohne zeitliche Präzision wären die Gussstücke mit individuellen Abweichungen behaftet. «Vorsicht! Nicht berühren! Man sieht es ihm nicht an, aber das Aluminium ist immer noch enorm heiss.» Mit einer Zange löst er den fertigen Guss aus der Kokille und legt ihn behutsam zur Seite.

Erst wenn sich das Metall abgekühlt hat, kommt der Guss in die Verputzerei. Hier ist mechanische Handarbeit angesagt: sägen, feilen, schleifen, richten. Jedes einzelne Stück bekommt hier einen Feinschliff verpasst. Der Anguss, durch den das flüssige Aluminium eingefüllt wurde, muss weg. Oftmals entstehen beim Giessen auch feinste Stäbchen und Plättchen («Gräte» oder umgangssprachlich «Federn» genannt), manche nur einen Millimeter lang. Sie verfälschen den optischen Eindruck und stellen eine Beeinträchtigung, sogar eine Verletzungsgefahr bei der weiteren Verarbeitung dar.

Ein Guss ist kein Emmentaler!
«Herr Widmer, Hand aufs Herz, wie steht es mit Lunkern?» Lunker sind Hohlräume, die beim Abkühlen des Metalls entstehen. Wenn die Schmelze erstarrt, reduziert sich ihr Volumen. Fliesst dann nicht zusätzliches Metall nach, kommt es zu Lunkern unterschiedlichster Grösse, von kaum erkennbaren Rissen bis hin zu murmelgrossen «Löchern», einige mit glatter Innenfläche, andere mit kristallinen Formen. «Mit der Konstruktion von möglichst funktionalen Gussformen reduzieren wir die Gefahr von Lunkerbildung. Es ist deshalb von Vorteil, wenn uns der Kunde bei jedem Auftrag so früh wie möglich zuzieht, also schon während der Planungsphase. Je besser wir verstehen, welche Funktion dem betreffenden Werkstück später zugedacht ist, desto gezielter gelingt die Anfertigung der Gussformen. Trotzdem untersuchen wir vor allem den ersten Guss eines jeden Auftrags sehr genau. Dazu setzen wir ein Röntgengerät ein. Wir wollen die Gewissheit haben, dass unsere Güsse frei von Lunkern sind.»

Widmer relativiert seine Aussagen und erklärt: «Selbstverständlich kommt es auf die spätere Funktion des Gussteils an. Handelt es sich um eine simple Abdeckung, ist es irrelevant, ob ein kleiner Lunker im Innern des Gusses entstanden ist. Ganz anders sieht es aus, wenn die betreffenden Teile weiter verarbeitet werden. Nehmen wir an, dass die Firma Werder Feinwerktechnik in einen von uns gegossenen Maschinenteil ein Gewinde schneidet und dabei auf einen Lunker trifft – dann ist die ganze Mühe für die Katze.» Erst recht keine Lunker dürfen bei sicherheitsrelevanten Teilen auftreten, zum Beispiel bei Haken für Bergsteiger.

Blick in eine Gussofen; das flüssige Aluminium hat eine Temperatur von gegen 750 Grad Celsius

Komplexe Gussteile aus Aluminium

Lüftergehäuse aus Aluminium

Das Aluminium wird in Barren angeliefert
Das flüssige Aluminium wird in eine Gussform gefüllt

Nach kurzer Zeit ist das Metall erstarrt; es kann mit einer Zange aus der Form gelöst werden

Es geht bei diesem Auftrag nur um die beiden «Arme» des «Ankers»; der «Stiel» hat nur gusstechnische Funktion, er wird später wieder eingeschmolzen

Blick in eine der Wizol-Werkhallen

Philippe Widmer, Geschäftsleiter Wizol

Nichts für Hobbyköche!
Widmer kommt auf die Zusammensetzung der Schmelzmasse zu sprechen. Himmel, das ist ja eine Wissenschaft! Wer  sich vorstellt, da würden einfach Aluminiumbarren in einen Schmelztiegel gebracht, liegt ganz falsch. Acht bis elf Prozent beigefügtes Silizium haben Auswirkungen auf den Erstarrungsprozess. Und bitte noch etwas Magnesium – wie im Rezeptbuch! Regelmässige Spektralanalysen geben Auskunft über die Zusammensetzung der Legierung, denn diese verändert sich im Verlauf von längeren Gussverfahren. Bei Wizol fertigt man Stückzahlen bis zu 15’000 Einheiten an!

Philippe Widmer fasst zusammen: «Wir schmelzen, giessen und verputzen. Für uns macht es keinen Sinn, teure Bearbeitungsmaschinen anzuschaffen, um die gegossenen Teile noch weiter zu behandeln. Bohren, fräsen, Gewinde einbringen – dazu fehlt uns ohnehin das notwendige Know-how, und wir könnten die Maschinen niemals auslasten. Die Firma Werder ist in dieser Beziehung hervorragend aufgestellt. Und die Qualitätsansprüche unserer Firmen entsprechen sich. Ausserdem kennen wir gegenseitig unsere Zuverlässigkeit, wenn es um die Einhaltung von Terminen geht. Auf diesem Fundament ruht unsere Zusammenarbeit – zum beidseitigen Nutzen.»

Das bestätigt Claude Werder mit Nachdruck: «Die Zusammenarbeit mit regionalen und nationalen Partnern bietet für alle Beteiligten noch weitere erhebliche Vorteile. Wir sprechen die gleiche (Fach-)Sprache; dank geografischer Nähe sind wir leicht erreichbar, und in dringenden Fällen sind wir bereit für ‚Feuerwehrübungen’. Daraus erwächst unseren Kunden ein bedeutender Mehrwert, den Produzenten und Lieferanten zum Beispiel aus China oder andern fernöstlichen Ländern nicht bieten können.»

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Flaschen, soweit der Laser reicht

Heute wartet ein spezieller Auftrag auf Petra Baur. Es geht um Whisky. Nicht um irgendeinen Whisky, sondern um den renommierten Brand «Säntis Malt – Swiss Alpine Whisky» aus Appenzell. – Aber hallo: Gibt es bei Werder Feinwerktechnik etwas zu begiessen? Schnaps in der Werkhalle? Nie und nimmer gäbe sich Petra für so was her.  Man stelle sich vor: Whisky im Höchstpräzisionsunternehmen! Die Höchstpräzision mutiert doch unter Alkoholeinfluss zur Sosolala-Präzision! – Keine Sorge! Hochprozentiges ist nicht im Spiel. Es geht nur um die «Verpackung», also um die Flaschen, um «Flasche leer».

Firmeninhaber Claude Werder erzählt: «Ich erhielt einen Telefonanruf von Säntis Malt, mir als Whiskyliebhaber natürlich geläufig. Ob ich mich mit Flaschen Gravieren auskenne, wollten sie wissen. Wir besprachen die Einzelheiten, und ich stellte einige Muster her. Ich dachte im ersten Moment, es handle sich vielleicht um ein oder zwei Dutzend Flaschen. Aber jetzt habe ich 800 hier, die wir in den nächsten Tagen gravieren.»

Petra kennt die Firma Werder Feinwerktechnik seit Jahren. Seit einiger Zeit ist sie selber stundenweise dabei. Ihr Spezialgebiet sind die Lasergeräte. Die Technologie fasziniert sie: «Es ist unglaublich, was diese Geräte innert kürzester Zeit leisten. Sie arbeiten höchst präzise, rasend schnell und ohne das Werkstück in ungewollter Art anzugreifen.» Petra überlässt das Programmieren den Fachleuten, hilft aber beim Einrichten der Maschinen und führt danach den entsprechenden Auftrag aus. Öfters sind es Hunderte gleiche Werkstücke, die sie bearbeitet. «Das kann monoton werden. Wenn ich aber fertig bin, alle behandelten Einzelteile betrachte, dann freue ich mich, und ich denke: cool, schön!»

Petra graviert
Üblicherweise hat es Petra mit flachen Werkstücken zu tun, nicht mit runden Hohlkörpern aus Glas. Claude Werder weiss das. Er stellt sich höchstpersönlich neben Petra und erklärt ihr das Vorgehen. Allzu kompliziert scheint es nicht zu sein. Nach einigen wenigen Minuten ist Petra startklar. Sie nimmt eine jungfräuliche Flasche von der Palette, prüft, ob sie keine fehlerhaften Stellen aufweist und spannt sie sorgfältig ins Lasergerät ein. Im angeschlossenen Laptop ist das Säntis-Malt-Logo bereits aktiviert. Petra muss den Vorgang nur noch mit einigen Tastenkombinationen starten.

Die Vorlage: Logo des Whisky-Brands «Appenzeller Säntis Malt»
800 Flaschen stehen zum Bearbeiten bereit
  1. Petra Baur setzt jede Flasche einzeln ins Lasergerät
Am Laptop startet sie den Laservorgang
Durch den Sichtschutz fotografiert: Das Logo entsteht. Der rasende Laserkopf ist nur als roter «Schatten» erkennbar
  1. Die Gravur ist fertig; der Laserkopf ruht
Petra Baur prüft das Ergebnis
Das Resultat ist einwandfrei

Im Innenraum der Maschine geht die Post ab. Eine gelbgrüne Abdeckplatte schützt die Augen vor dem Laserlicht. Der Laserkopf rast hin und her, kleinste Lichtpunkte blitzen auf. Hin und her, hin und her in unerhörtem Tempo. Und doch dauert es mehr als fünf Minuten, bis das fertige Firmenlogo die Flasche schmückt. Petra öffnet die Abdeckplatte und hebt die Flasche mit grosser Sorgfalt heraus. Eingehend prüft sie, ob das Resultat den Anforderungen entspricht. Sie ist zufrieden und stellt die fertige Flasche zur Seite.

Werder und Trotec
Für solche Laser-Arbeiten setzt Werder unter anderem auf Bearbeitungsmaschinen der österreichischen Marke Trotec, ein weltweit tätiges Unternehmen im Laserbereich. Vor 20 Jahren in Wien gegründet, hat es heute 450 Mitarbeitende in 68 Standorten auf allen Kontinenten. Trotec gilt als Weltmarktführer für Lasergeräte zum Gravieren, Schneiden und Markieren. Die Anwendungsmöglichkeiten sind sehr vielfältig. Trotec-Laser eignen sich für Acryl, Glas, Holz, Kunststoff, Laminate, Leder, Metall, Papier, Stein und Textilien.

Mit dem Trotec Speedy 300 flexx, wie ihn die Firma Werder Feinwerktechnik einsetzt, kann Petra Flächen bis zu 726 x 432 Millimeter bearbeiten. Für die Arbeit an den Säntis-Malt-Flaschen verfügt das Lasergerät über eine Rundgravurvorrichtung. Während des Arbeitsvorgangs dreht sich die Flasche kaum merklich um die eigene Achse, bis die Gravur fertig ist.

«Verblüffend, was auf dieser Maschine möglich ist.» Claude Werder nennt einige Beispiele: «Für eine Medizinalfirma markierten wir Massstabskalen auf den Umfang von Schläuchen. Bei einer Länge von 70 Zentimetern waren die Schläuche kaum einen Millimeter dünn! Mit Hilfe der Skala sieht der Arzt genau, wie viel medikamentöse Flüssigkeit sich im Schlauch befindet, und wie viel davon er dem Körper des Patienten noch zuführen will. – Auf einen ebenfalls 70 Zentimeter langen Blechstreifen gravierten wir einen Alpenzeiger. – Und ein Forstwart-Lehrling bekam nach der LAP ein Beil geschenkt, auf der Klinge eine Widmung, made by Werder.»

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