Er verwirklicht den Traum seines Vaters

Natnael Mesmer (rechts) mit Kurt Bürgi, dem Chef des EKZ Racing Teams

Natnael Mesmer – ein Eritreer im Brugger Schachen! Menschen mit einem solchen biografischen Hintergrund trifft man sonst kaum an den Abendrennen. Aus Eritrea ist er in den Sudan gereist, dann weiter nach Italien und in die Schweiz. Vor knapp vier Jahren ist Natnael hier angekommen, in einer für ihn vollkommen fremden Welt. Er versuchte sich zurechtzufinden. Und das gelang schliesslich – dank dem Radsport! Sport als Integrationshilfe!

Angespannt und fokussiert
Natnael Mesmer ist als Person kaum zu erkennen: Helm auf dem Kopf, die Augen hinter der grossflächigen und reflektierenden Sonnenbrille verborgen, der übrige Gesichtsausdruck eher angespannt, fokussiert auf das bevorstehende Rennen. Zwar lächelt er kurz: «Ja sicher, nach dem Rennen treffen wir uns zum Gespräch.» Dann ist er wieder ganz konzentriert.

Die Rennfahrer sind in einem beeindruckenden Tempo unterwegs, über 47 km/h im Schnitt. Zusammen mit fünf ehrgeizigen und talentierten Sportlern bildet Natnael anfänglich die Spitzengruppe. Dann fällt er zurück und beendet das Rennen schliesslich als Achter mit zwei weiteren Verfolgern, aber noch weit vor dem grossen Feld. Jetzt setzt er sich auf die Festbank und erzählt. Helm und Sonnenbrille hat er beiseite gelegt; ein überaus sympathisch wirkender Mann tritt in Erscheinung. Die deutsche Sprache ist kein Problem für ihn.

Nummer-eins-Sport in Eritrea
«Ich bin seit jeher vom Radsport begeistert. Zu Hause in Eritrea hat diese Sportart einen hohen Stellenwert. Die Besten werden dort gefeiert wie Popstars. Man kennt und umjubelt sie. Mein Vater hat mich schon als kleinen Jungen zu Radsportveranstaltungen mitgenommen. Es war sein ganz grosser Traum, dass ich, sein Junge, da einmal Erfolg haben könnte. Eritreischer Meister oder so, das wärs doch! Deshalb und auch aus einer gewissen familiären Tradition kam ich schon sehr früh zum Radsport.»

«Als ich neun Jahre alt war, wurde mein Vater ins Militär eingezogen. Das war 1998. Wir hörten nichts mehr von ihm; Nachforschungen führten zu keinem Ziel. Er blieb verschollen. Ich trainierte weiter, Jahr für Jahr. Für meinen Vater, für seinen Traum. Inzwischen schöpfe ich die Motivation aber schon längst aus mir selbst.»

How can I find a Team?
«In der Schweiz eingetroffen, machte ich mich auf die Suche nach einem Radsport-Verein. Das erwies sich als sehr schwierig. Zuerst hielt ich auf der Strasse einen x-beliebigen Fahrer in Rennmontur an und erkundigte mich bei ihm: How can I find a Team? Das brachte mich natürlich nicht weiter. Im Internet fand ich dann die Adressen verschiedener Teams, die auf hohem Niveau unterwegs sind. Ich bewarb mich schriftlich bei ungefähr 20 Vereinen. Von den meisten erhielt ich rundweg eine Absage. Entweder hatten sie keine regelmässigen Trainings  oder keine Rennplanung. Manche verfügten über keinerlei finanzielle Mittel, und von einigen Vereinen hörte ich überhaupt nichts. All das nahm ich nicht persönlich; es bestärkte mich vielmehr in der Hoffnung, mit jedem eintreffenden Kuvert näher an einen positiven Bescheid zu kommen. Und so setzte ich mein Training fort, absolvierte Waldläufe und machte kräftigende gymnastische Übungen.

In der Zwischenzeit hatte ich über eine zufällige Begegnung Kontakt mit dem Radfahrerbund Brugg aufgenommen. Meine Ansprechperson war Stefan Rauber, der Verantwortliche für die Brugger Abendrennen. Er glaubte an mich und stellte mir ein Rennrad mit Jahrgang 1999 zur Verfügung, mit dem ich meine ersten Rennen in der Schweiz bestritt.»

Natnael Mesmer kurz vor dem Start des Elite-Rennens im Brugger Schachen
Brugger Abendrennen der Elitefahrer: Natnael Mesmer mitten im Renngeschehen

Vom Amateur zum Elitefahrer
«Während zwei Jahren nahm ich regelmässig an Amateur-Rennen teil, dann schaffte ich die Qualifikation zum Elitefahrer. Nun bin ich schon in der zweiten Saison mit dem EKZ Racing Team unterwegs. Da fühle ich mich extrem wohl und sehr gut betreut. Mein ganz grosses Ziel ist und bleibt aber eine Profi-Karriere. Einmal die Tour de France fahren – das wäre das absolut Grösste. Ich bin zwar mit Jahrgang 1989 nicht mehr der Allerjüngste, aber ich spüre nach wie vor die Kraft und die Motivation, die nötig sind, ein solches Ziel zu erreichen.»

«Ich fühle mich absolut wohl in der ganzen grossen Radsportfamilie. Die Menschen unterstützen mich; sie verstehen mich, und ich verstehe sie. Kurt Bürgi, Trainer und Chef des EKZ-Teams, ist für mich wie ein Vater. Ich habe ihm sehr viel zu verdanken, genau gleich wie auch meinen Freunden vom RB Brugg.»

«Der Radsport ist alles für mich. Ich bin praktisch mein ganzes Leben lang gefahren. Es liegt in meinem Blut.»

1 Kommentare

  1. Edith Mauch

    lieber Natnael
    Ich habe den Bericht über das brugger Schachen-Rennen gelesen und freue mich für dich und deine Entwicklung. Ich gratuliere dir von Herzen und wünsche dir weiter viel Erfolg und dass sich deine Träume erfüllen. Hanspeter wäre sehr stolz auf dich! Liebe Grüsse aus Sarmenstof Edith Mauch

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.