Die MP im Anschlag

Der gut gesicherte Lieferwagen und ein Begleitfahrzeug nähern sich über die Industriestrasse, biegen in die Werdstrasse ein und manövrieren sich sorgfältig vor das Werktor der Firma Werder. Kurze, spannungsvolle Pause. Stille. Nichts geschieht. Die Luft flirrt in der Hitze. Dem Begleitfahrzeug entsteigen zwei Sicherheitsbeamte, die Maschinenpistolen umgeschnallt. Mit gespreizten Beinen beziehen sie Position. Rundumblick. Kopfnicken. Langsam öffnet sich das Werktor. Fast gleichzeitig die Türen des Lieferwagens. Zwei Männer entsteigen dem Fahrzeug. Sie ziehen sich feste Handschuhe über, klappen die Hecktüre hoch und greifen in den Laderaum. Was sie dort treiben, ist nicht zu erkennen. Schliesslich ziehen sie längliche Holzbehälter hervor. Die Körperhaltung lässt ein beträchtliches Gewicht erahnen. Werksmitarbeiter erscheinen, nehmen die Fracht in Empfang und schaffen sie weg, alles unter den wachsamen Augen der bewaffneten Sicherheitsbeamten. Papiere werden unterschrieben. Ein Händedruck, dann besteigen alle wieder ihre Fahrzeuge und entfernen sich. Puah, Glück gehabt; kein Überfall.

Ganz schön wertvoll
Leicht amüsiert deutet Werder-Mitarbeiter Bernhard Erne an, wie es vor langen Jahren bei der Anlieferung der Silberstangen zuging. «Tempi passati. Heute kommen die Stangen mit einem ganz gewöhnlichen Camion ohne Polizeischutz zu uns. Aber damals, tja, das war beinahe wie im Krimi.»

Die scharfen Sicherheitsmassnahmen haben nichts Lächerliches an sich. Alljährlich bezieht die Firma Werder rund 500 Kilogramm Silber! Eine Menge, die jederzeit kriminelle Energie freisetzen könnte. So auf die Schnelle eine halbe Tonne Silber abholen – wäre doch ganz nett … Der Kurs des Edelmetalls ist zwar volatil, aber bei einem Preis von gegenwärtig rund 550 Franken pro Kilo kommt man auf eine hübsche Summe.

Die Silberstangen warten auf ihre Verarbeitung

Edelmetall mit mattem Glanz: Silber in seiner reinsten Form

Bernhard Erne, Leiter Produktionsplanung bei Werder Feinwerktechnik AG
Werkstück aus Silber – fertig montiert – für Präzisionsmessgerät
Werkstück aus Silber in seinen Einzelteilen

Herkunft unbekannt
Bevor das Silber in der Firma Werder eintrifft, hat es einen langen Weg hinter sich. «Die Herkunft kennen wir nicht. Vielleicht aus Mexiko, Peru, Australien, Russland, Chile? Dort wird es zu Barren gegossen.» Aus dem fernen Ausland erreichen die Silberbarren die weiterverarbeitenden Produktionsstätten in Europa. Ernes Aussprache wird eine Nuance schärfer: «Hier setzt der für uns fundamental wichtige Prozess ein. Nach einer genau vorgegebenen Rezeptur entstehen Stangen und Leisten mit den geforderten Eigenschaften. Geringste Abweichungen beeinträchtigen das Endprodukt.»

Erne steht aber nicht in direktem Kontakt mit den Produzenten des veredelten Silbers. Das geschieht über Zwischenhändler. «Wir wissen, dass wir gegenwärtig aus Deutschland und Frankreich beliefert werden. Für uns spielt das keine Rolle. Die Qualität muss stimmen. Und sie muss konstant sein. Kleinste Materialveränderungen haben schwerwiegende Folgen.» Die Bestellung erfolgt in der Regel mit einem Vorlauf von drei Monaten. Denn jede Hast könnte negative Auswirkungen haben, sowohl auf die Qualität als auch auf die Lieferung.

Werder stellt aus Silber Bestandteile für hochpräzise Laborgeräte mit engstmöglichen Toleranzen her. Die Geräte nutzen die überragende elektrische und thermische Leitfähigkeit des Edelmetalls, die kein anderes Element erreicht.

Ein Werkstoff, mehr nicht
Bernhard Erne ist zwar Mechanikermeister, trägt bei Werder aber seit über 20 Jahren die Verantwortung für den ganzen Materialeinkauf. «Silber ist das teuerste Material, das wir verarbeiten. Trotzdem ist es für uns nicht in erster Linie ein wertvolles Edelmetall, sondern ein Werkstoff.»

A propos «Werkstoff» Silber: Bei Werder sind es alljährlich 500 Kilos. Atelierchef Werner Schlattinger von «Meister Silber AG» in Zürich, dem schweizweit bedeutendsten Produzenten von Silberbechern, -schalen und -pokalen, schätzt die dort verbrauchte Menge auf jährlich 100 Kilo. Auf die Frage, wie viel es in der Bijouterieabteilung der Firma etwa sein dürfte, hat er zwar keine Zahl, aber ein mitleidiges Lächeln: «Viiiiel weniger!»

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Die 70 Mitarbeitenden der Firma Werder Feinwerktechnik produzieren anspruchsvolle Werkstücke aus Aluminium, Stahl, Titan, Silber, Messing, Bronze, Neusilber, Magnesium und aus Kunststoff in höchster Präzision und mit unterschiedlichen Veredelungstechniken. Von Kleinauflagen bis zu Serien von 100’000 Stück.

Kontakt
Samuel Werder AG

Werdstrasse 2
5106 Veltheim

T +41 56 463 66 00
info@werder-ag.ch
www.samuelwerder.ch

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