Hallo? Hallo! Neue Gitarrenklänge aus der Schweiz

«Wir messen die Stärke unserer Wirtschaft nicht daran, wie viele Milliardäre wir haben. Sondern daran, dass Leute mit guten Ideen ein Risiko eingehen.» Das sagt Barak Obama, wenn er über die Ökonomie der USA spricht. Und was im Grossen Amerika gilt, gilt auch im Kleinen. In Sempach, im Kanton Luzern, haben zwei Visionäre ihren Traum vom eigenen Unternehmen verwirklicht und damit ein musikalischen Beben ausgelöst. Dieses spürt man sogar in Amerika.

Er hatte keine Ahnung, wie lange er schon diesem Gedanken, diesem Wunsch nachhing, alles hinzuschmeissen, weg vom Jobprofil «Marketing- und Verkaufsleiter». Neue Wege gehen. Seine Berufung leben. Sein eigener Chef sein. Sein eigenes Produkt lancieren.

Die innere Stimme war mittlerweile so laut und klang so selbstsicher, dass sie die wagen Zweifel übertönte. Er wusste, was seine Eltern und Freunde sagen würden: «Was willst du in eine Branche investieren, die in der Schweiz keiner kennt? Ausgerechnet Gitarrenbauer!» Bemerkungen dieser Art waren nichts Neues. Und eigentlich nur gut gemeint.

Silvan betrachtete die tiefen Spuren, die er im Neuschnee hinterlassen hat. Seit anderthalb Jahren setzt er sich nun schon dieser Dreifachbelastung aus: Sozialstudium, Nebenjobs und gleichzeitig eine neue Firma aufbauen. Das wiegt schwer. «Schluss damit», murmelt er, sein Blick wieder nach vorne gerichtet. Das Leben verlangte nach einer Entscheidung. «Ich bin Unternehmer. Ende. Aus.»

«Warum versucht ihr nicht eine Me-Too-Strategie?» «Auf keinen Fall!» Pirmin ist diese Frage leid. Er ist gelernter Industriedesigner. Und das mit Stolz. Niemals würde er Bestehendes kopieren. Ok, zugegeben, eine Fender- oder eine Gibson-Gitarre in höchster Schweizer Präzision zu imitieren, wäre erfolgsversprechender. Günstiger. Einfacher.

Aber nein, und nochmals nein!
Solche Argumente lässt Pirmin nicht gelten, schliesslich hat er für sein Semesterprojekt bereits eine Gitarre entworfen, hat ganze Vorarbeit geleistet, bewiesen, welche Ideen in ihm stecken; eine Gitarre mit neuem Klangbild, einer Sandwich-Konstruktion und hochwertigen Materialien wie Bambusgriffbretter, Hochdrucklaminate, Aluminium, sensorgesteuerte Pickup-Anwahl und dergleichen. Durch und durch individuell in der Handhabe und modern im Design. Swiss made eben. Nach 60 Jahren Status quo, Trägheit und verstaubter Tradition ist der Markt überreif für Hightech aus der Schweiz. Davon ist er überzeugt.

Also kein Abweichen von den Plänen. Warum auch? Es braucht einzig ein Umdenken, die richtigen Produktionspartner, motivierte Mitarbeitende, ein professionelles Marketing. So einfach ist das. «Einfach?» Silvan traut sich und seinem Geschäftspartner vieles zu. Aber ohne viel Startkapital, ohne einen Prototyp in der Hand wird das Umsetzen ihrer Geschäftsidee bestimmt nicht einfach.

Prototypen müssen her
«Liebes Werder-Team …» Raphael Vögtli überfliegt noch einmal die Zeilen im E-Mail. «… Im Anhang befindet sich ein Foto und eine 3D-Bilddatei eines Aluminiumrahmens, das ich in einer ersten Serie von 100 Stück herstellen möchte. Wären Sie interessiert an der Herstellung dieses Werkstücks?» Hmmm, Raphael kratzt sich am Hinterkopf. Interessiert schon, nur wer finanziert die Produktionsserie? Hat Pirmin Giger eine Ahnung, was allein das Herstellen von Prototypen kostet? Ein Start-up mit begrenztem Budget, ohne etwas vorzuweisen. Spannend. Das wird sich der Chef bestimmt genauer ansehen wollen.

Normalerweise lässt sich Silvan kaum aus der Ruhe bringen. Aber nun ist auch er nervös. «Wir werden Claude Werder vom Potenzial unserer Gitarre überzeugen müssen», sagt er bereits zum dritten Mal innerhalb einer Stunde. Pirmin nickt. Im Licht der Lampen sehen die Zahlen auf Silvans Strategiepapier so aus, als gäbe es nicht viele Alternativen.

Starke Partner müssen her. Partner, die nicht nur höchst präzise arbeiten sondern die Geschäftsidee auch mittragen und mitdenken. Sonst wird das nichts mit ihrem Nischenprodukt. «Wenn wir jetzt nicht mit Begeisterung überzeugen, Emotionen rüberbringen, haben wir auch auf Fachmessen, bei den Distributoren, Ladenbesitzern und Endkunden keine Chance.»

Teures Swiss made, dafür ohne Qualitätseinbussen
Silvans Argumente leuchten unter dem gelben Highlighter wie die Neonlichter an der Decke. Schlimmer noch. Silvan umkreist mit dem Stift das rote «Swiss-Made-Label» auf seiner Präsentation. Sie würden im Ausland produzieren müssen. Das bedeutet zwar billigere Mannstunden, dafür schlechtere Maschinen und das bedeutet Qualitätseinbussen.

Zwanzig Minuten bleiben noch bis zum Treffen mit Werder. Jetzt nur nicht aufgeben. Tief durchatmen. Positiv denken. Firmen wie Hublot, Tesla und Apple haben es schliesslich auch geschafft, sich in einem gesättigten Markt zu positionieren, und das mit grossem Erfolg.

«Tja, manchmal braucht man eben Glück.» Raphael Vögtli füllt seine Tasse mit Kaffee und setzt sich wieder an Werders Tisch. «Ein E-Mail zum richtigen Zeitpunkt an die richtige Firma …» «Ach was, zum Teufel mit dem Glück», nun stand auch Werder auf, ohne die Skizzen, die ihm Silvan übergeben hatte, aus den Augen zu lassen. «Es braucht Leidenschaft! Glück lässt keine Funken springen. Aber ehrliche Begeisterung ist ansteckend.»

Die Skizzen auf dem Pult zeigen verschiedene Aluminiumrahmen, an denen Steg und Hals montiert sind. Das verleiht der Konstruktion enorme Stabilität und fördert die Schwingungsübertragung. «Das Konzept ist clever», denkt Werder, während er vor den Zeichnungen stehen bleibt. «Hier und dort noch etwas nachkorrigieren, damit senken wir zusätzlich die Produktionskosten.»

Aller Anfang braucht Mut
Pirmin sitzt an seiner Fräsmaschine, in zehn Minuten ist Pause. Zeit zum Verweilen bleibt ihm keine. Bodenständig schweizerisch führen die beiden Initianten ihr innovatives Gitarrenprojekt konsequent weiter und wirbeln dabei mächtig Staub auf. Die Schweizer können es einfach, ohne Wenn und Aber. Dafür ernten sie Lob und Respekt von den Amerikanern, den Gibson- und Fender-Fans. Und das macht sie zu stolzen Unternehmern!

Überheblich sind sie trotzdem nicht geworden, die beiden Jungs. Die Köpfe sind voller Ideen und die Ziele hochgesteckt, so hoch, dass einem etwas schwindlig wird. «Im Jahr 2023 wollen wir 4000 Gitarren produzieren.» Das ist ein ganzes Prozent am E-Gitarren-Weltmarkt im Premium-Segment! «Ach was, wir werden die Amerikaner kaum das Fürchten lehren», winkt Silvan ab, «dafür sind wir viel zu klein.» Von wegen: Relish Guitars werden die Gitarrenszene erobern!

Vier Tipps für Start-ups:

  • Es zahlt sich nicht aus, die Produktion ins Ausland zu verlagern. Wir haben gelernt, dass man in der Schweiz mit guten Partnern genauso effizient und wertschöpfend arbeiten kann.

  • Es lohnt sich, Einzelteile eigens herzustellen oder herstellen zu lassen. Das Entwickeln braucht zwar Zeit, dafür profitiert man von einer besseren Qualität und somit einer besseren finanziellen Zukunft.

  • Events für Start-ups sind gute Plattformen, um Partner mit spezifischem Know-how kennenzulernen. Wissen auszulagern, ist oft besser und effizienter.

  • Stehen Sie hinter Ihrem Produkt. Seien Sie nicht zurückhaltend, sondern überzeugen Sie die Endkunden und Distributoren vom Mehrwert Ihres Produkts.

Relish Guitars
Pirmin Giger und Silvan Küng verbindet die gemeinsame Leidenschaft für Gitarren. Die Idee, E-Gitarren vollkommen anders als bisher herzustellen, schweisste sie als Business-Partner zusammen. Ihre Methode, die sogenannte Sandwich-Konstruktion, ist die erste echte Innovation auf dem E-Gitarrenmarkt seit über 60 Jahren. Sie verleiht dem Instrument ein verbessertes Klangbild. Durch die neue Bauweise, werden die Schwingungen der Saiten besser übertragen und beim Kontakt zum Körper des Spielers weniger abgedämpft.

Die eidgenössische Materialprüfungs- und Forschungsanstalt (EMPA) hat die verbesserte Akustik in einem Test bestätigt. Ein weiterer Vorteil der Sandwich-Konstruktion ist, dass sich die Komponenten des Musikinstruments (z. B. der Tonabnehmer) viel einfacher austauschen lassen. Die Produkte von Relish werden von Künstlern wie Motörhead, 77 Bombay Street und vielen anderen eingesetzt.

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