Vom Brechmittel zum Gaumenschmaus

Die Speisekarte von Amsel, Meise, Spatz & Co. ist ganz schön reichhaltig. Die Vegetarier unter ihnen bevorzugen Samen, Beeren und Keimlinge; alle andern ergänzen den Menüplan mit Mücken, Fliegen, Spinnen und Raupen. Lecker, einfach lecker! Die Zähne, pardon, den Schnabel in ein zartes Raupenfilet hauen – was gibt es Schöneres auf Erden!

Zuweilen wird der Spass aber arg getrübt. Da nimmt Vogel sich eine recht fette hellgrüne Raupe vor, eben erst auf dem Buchsbaum entdeckt. Fünf Zentimeter lang und gut genährt. Zweifellos eine Festessen erster Güte. Aber oh Schreck! Das gute Stück ist die personifizierte Bitternis. Absolut ungeniessbar. Pfui Deibel! Das grosse Würgen.

Kein Wunder! Die Raupe hat sich ausschliesslich mit Buchsbaumblättern und Rindengeraspel von der gleichen Pflanze ernährt. Gehts noch dümmer? Weiss denn das Vieh nicht, dass es dabei die ganzen Bitterstoffe aufnimmt? Die reine Beleidigung für ein verwöhntes Amselkehlchen.

Der Betrug sprach sich wie der Blitz in der Vogelwelt herum: Meidet die elenden grün-gelb-schwarz-weissen Länglinge. Und bereits machten Gerüchte die Runde, in diesem Schauerfrass seien noch Giftstoffe enthalten. Gewundert hätte es niemanden, und da und dort hörte man schon Klagen über unerklärliche Bauchschmerzen. Krallen weg von diesem Buchsraupengesocks!

Jahrelang waren sie auf der sicheren Seite, unsere gefiederten Freunde, wenn sie sich strikte an den beschriebenen Erfahrungswert hielten. Kein Würgen, kein Bauchweh, kein Durchfall, keine Krampferscheinungen. Ab und zu ein missmutiger Blick ins Blattwerk des Buchsbaums. Aber dabei liessen sie es bewenden. Lass sie doch raspeln, die sind selber schuld, wenn wir sie nicht fressen.

Und nun das!

Mutation zum Leckerbissen
Irgend so ein hergeflogener Frechling, von Piepen und Zwitschern keine Ahnung, tauchte auf. Ein unerfahrener Schnösel, ebenso hochschnäblig wie hemmungslos. Und ausgerechnet dieses Subjekt machte eine geradezu schockierende Entdeckung. Drüben, im Haselstrauch, ortete der ungehobelte Piepmatz ein gut gewachsenes Exemplar der beschriebenen Raupenart. Tadellose Figur und ausgestattet mit einer entzückenden Eitelkeit, die jede Vorsicht vergessen liess. Die Raupe aalte sich an der Sonne, wohl in der Überzeugung, ihrer Ausdünstung gewiss, wecke keinerlei Gelüste. Denkste!

Unser unbedarfter Jüngling stürzte sich auf sie, vergass alle guten Manieren, so er jemals solche sein Eigen genannt hatte, und … – Die anwesende Vogelwelt erwartete schadenfroh den Übelkeitsausbruch des ungehobelten Draufgängers. Aber nichts dergleichen geschah. Im Gegenteil. Sichtlich angetan von dem Leckerbissen flatterte er sofort wieder zum Hasel hinüber. Dort und gleich nebenan im Liguster entdeckte er noch mehrere Leckerbissen der beschriebenen Art. Und er putzte sie weg, ohne mit den Wimperfedern zu zucken. Zufrieden hockte er sich dann aufs Ruhemöbel, ein kleines Aufstossen, ein tiefer Seufzer, und weg war er, im Reich der Träume, die reichliche Mahlzeit verdauend.

Seinen Artgenossen verschlug es die Sprache. Sollte die Raupe des Buchsbaumzünslers nun tatsächlich zum Schmackofatz mutiert sein, zum Gaumenkitzel, zum Schmeckerchen? Da soll noch einer die Welt verstehen! Warum nicht auch versuchen? Am Waldrand gibt es jede Menge Liguster- und Haselsträucher. Da! Und dort! «He, he, nicht drängen, ich habe sie zuerst entdeckt!» – Und schon war das grosse Fressen in vollem Gang.

Peter Hofmann, Kundengärtner und Gartenpfleger bei Wyder Gartenbau
Eine Raupe des Buchsbaumzünslers in ihrem Gespinst. Die Frassspuren sind unübersehbar

Ein frisch geschlüpfter Falter des Buchsbaumzünslers: Gold-bestäubt und violett schillernd

Buchs-Kugeln vor einem Werkstatt-Gebäude

Geschädigter Buchs

Gesunde Buchstriebe

Gesunde Buchshecke

Not macht erfinderisch
Genau so hat es sich abgespielt. Ehrenwort. Die Menschen trauten ihren Augen kaum. Da hatten sie immer befürchtet, die Raupe des Buchsbaumzünslers habe keine natürlichen Feinde. In der Folge kamen die chemische und die biologische Keule reichlich zum Einsatz. Und doch machte das aus Asien eingeschleppte Insekt zahlreichen Buchspflanzen den Garaus. So gründlich, dass der Buchs langsam aber sicher vom Radar verschwand. Der Zünsler, unwillig zu verhungern, machte sich notgedrungen auf die Suche nach alternativen Weiden und entdeckte den Hasel und den Liguster für sich. In der Not frisst der Zünsler eben nicht nur Buchs.

Peter Hofmann von Gartenbau Wyder warnt: «Es ist zu früh, sich ganz auf die natürlichen Feinde des Buchsbaumzünslers zu verlassen. Gut vorstellbar, dass sich die Situation in einigen Jahren entspannt. Aber so weit sind wir noch nicht. Immerhin lassen die jüngsten Beobachtungen Hoffnung aufkommen.»

Im Moment bleibt also nichts anderes, als die eigenen Buchsbaumpflanzen sorgfältig auf Schädlinge abzusuchen. Und vielleicht kommt man nicht um das Spritzmittel herum. Aber wir setzen weiterhin vertrauensvoll auf die Ornithologie, kaufen das eine oder andere Vogelhaus und hängen es an die Dachbalken. Sicher ist sicher. Vorsorgen ist besser als heilen!

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