Wenn ein Sound die Welt erobert

Inmitten eines um Einheit ringenden Europas gibt es ein kleines Land, das sich seine Eigen- und Selbständigkeit auf jeden Fall erhalten will – mit Innovation und Präzision, wie eh und je. Ganz schön frech. Aber es funktioniert. Nur, Mut muss sein – und ein kluges Miteinander.

Auf dem Weg vom Besprechungszimmer kam Claude Werder an Raphaels Bürotür vorbei. Es war schon spät. «Hallo Claude, hast du kurz Zeit? Ich hab da was für dich.» Eigentlich war er auf dem Weg nach Hause, aber das hier schien spannend. «Zwei Jungunternehmer wollen Aluminiumrahmen für eine neuartige Gitarre bei uns produzieren.» «Okay», mehr fiel Werder im ersten Moment nicht ein. Als Feinwerktechniker bekommt er oft Anfragen fürs Drehen und Fräsen anspruchsvoller Werkteile. Aber Aluminiumrahmen für Gitarren? Das ist schon eher ungewöhnlich.

«Zeig mal her.» Die 3D-Bilder auf Raphaels Schreibtisch haben nun doch sein Interesse geweckt. Drei Prototypen und danach eine erste Serie von 100 Stück? Ambitiös für ein Start-up, zugegeben. Aber auch weitsichtig, von Anfang an Experten miteinzubeziehen. Wie ist dieser Pirmin Giger überhaupt auf uns gekommen? –Er scrollte etwas zurück, bis er die Stelle gefunden hatte. Aha, da steht es: «… beim Recherchieren im Internet auf Ihre Firma aufmerksam geworden.»

«Du willst meine Meinung?», fragt Werder, nachdem er die ganze Nachricht gelesen und die Skizzen studiert hat. «Aluplatten in der Höhe von 21 Millimetern gibt es nicht im Handel. Sie müssen schauen, dass sie die Elektronik in einen 20 Millimeter Standardrahmen einpassen, sonst wird die Produktion zu teuer. Und hier …», mit dem Finger tippt er auf die runden Ecken, die mit Zahlen versehen waren, «Radius und Plattendicke sollten sie an die Fräsmaschine anpassen, das ist viel effizienter.» Er stand auf, nahm die Skizzen und packte eine nach der anderen in seine Mappe. Das wird bestimmt eine spannende Aufgabe, Klangbild, Gewicht und Machbarkeit auf einen Nenner zu bringen. «Schick mir doch bitte das Mail. Ich werde Pirmin Giger morgen mal anrufen. Einen schönen Feierabend noch.»

Nachdem er nun alle Fakten kennt, ist Werder von diesem Gitarrenprojekt überzeugt. Über drei Stunden hat er mit den beiden Pionieren, Pirmin Giger und Silvan Küng, am runden Tisch gesessen. Sie haben über Hightech und Finanzen diskutiert und darüber, was die revolutionäre Jane alles kann.

Die gesamte Konstruktion baut auf einem ein Zentimeter breiten Aluminiumrahmen auf, über den sich elegant Decke und Boden aus starkem Walnuss-Holz wölben. Die Schwingungsübertragung konzentriert sich auf den Hals, die Mittelstrebe des Alurahmens und den Steg. «Hier zeigt sich das völlig andere Konzept», hat Pirmin begeistert erklärt. Boden und Decke der Sandwich-Konstruktion sind nichts weiter als Design. Akustisch sind sie nicht relevant, und die verschiedenen Holzarten, in denen die Gitarre angeboten wird, schon gar nicht.

Die Begeisterung der beiden mit dem durchsetzungsfähigen Sound der Gitarre zu vergleichen, ist vielleicht etwas weit hergeholt. Mag sein, denkt Werder auf dem Weg zurück in die Firma. Aber eine Gitarre zu bauen, wie sie die Welt noch nicht gesehen hat: Grossartig, Hut ab! Ob die konservativen Gitarristen für dieses innovative Schweizer Hightechmodell ihre verschlossenen Herzen öffnen? Wer als Start-up Erfolg haben will, muss seine Ziele hochstecken, da hat der Marketing-Fachmann Küng schon recht. Auch die Finanzierung ist gut durchdacht. Es macht durchaus Sinn, bei einem kleinen Startkapital von 20’000 Franken, die drei Prototypen über Crowdfunding zu finanzieren. Das unterstütze ich mit!

«Und, wie war dein Treffen?», wollte Raphael wissen. Gerade eben ist Werder auf den Parkplatz gefahren. «Seid ihr euch einig geworden?» Werder macht eine einladende Handbewegung: «Komm mit, ich zeig dir was.» Der Lärm im Maschinenraum ist so gross, dass er beinahe schreien muss. «An dieser Chiron-Maschine werden wir die Prototypen fräsen. Und auch die 100 Stück. Alle auf einmal!»

 
Ein Laser graviert das Logo präzise in die Aluminiumplatten
 
 
 
 
 
Wir mussten den Rahmen dünn machen, aber nicht zu dünn, so dass er nicht vibriert. Und darauf achten, dass das Gesamtgewicht der Gitarre im unteren Mittelfeld liegt.
 
 
 
 
Seit 2013 haben XY Aluminiumrahmen die Werkhallen von Werder verlassen
 
Jeder Aluminiumrahmen ist mit einer Seriennumer versehen
 
 
 
 
Die Basis besteht aus einem Aluminiumrahmen mit einer durchgehenden Mittelstrebe, an der auch Steg und Hals montiert sind. Diese Konstruktion fördert die Schwingungsübertragung.
 

Im E-Mail war von potenziellen Käufern keine Rede. Raphael versteht kein Wort, und das lag nicht am Lärm der Maschinen. Wenn sie in Serie produzieren, können sie Kosten senken, das leuchtet ein. Trotzdem entstehen Kosten. Wer vorfinanziert das? «Hier ist der Deal: Relish Guitars lassen sämtliche Aluminiumrahmen bei uns produzieren. Im Gegenzug verrechnen wir ihnen nur die Anzahl Stücke, die sie unmittelbar bestellen», erklärt Werder den Rahmenvertrag.

Das war 2012. Seither rollt Relish Guitars das gesamte internationale Feld von hinten auf. Waren es 2014 erst XX Aluminiumrahmen, sind es 2017 bereits XX Stück, die das Werk in Veltheim verlassen haben. Und wenn die Rechnung von Relish Guitars aufgeht, ja, dann sind es im Jahr 2023 stolze 4000 Instrumente!

So ist das wohl, wenn Herzblut und Engagement den Ton angeben. Dann ist Vertrauen gefragt. Vertrauen wiederum, ist reines Bauchgefühl. Und genau aus diesem Gefühl heraus, entstehen starke Partnerschaften.

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