Von unten ist der Gartenzaun höher

Diese Geschichte beginnt Ende Dezember 2009 an einem ungewöhnlichen Ort, zu ungewöhnlicher Zeit. Nachts um 2 Uhr, 10’000 Meter über der russischen Stadt Wladikawkas unterhalte ich mich mit Daniel Moser. In wenigen Tagen wird er einen Berufswechsel vom Flugkapitän zum Brugger Stadtammann vollziehen. Ein radikaler Schnitt, ein neuer Lebensabschnitt.

Daniel, sag, was geht dir durch den Kopf?
Ich wünschte mir, dass alle Menschen, mit denen ich es in meinem neuen Job zu tun bekomme, die Welt einmal aus dieser Höhe betrachten würden. Da relativiert sich doch so manches Problem.

*

Inzwischen sind bald einmal sieben Jahre verstrichen. Nun taucht die Frage wieder auf.

Dani, weisst du noch, damals über Wladikawkas?
Ja, selbstverständlich!

Und wie siehst du die Sache heute?
(lächelt) Ich versuche immer wieder, mich geistig auf eine andere Warte zu stellen, die Dinge aus nützlicher Distanz zu betrachten. Leider gelingt das nicht immer gleich gut. Von unten gesehen ist ein Gartenzaun höher als von oben betrachtet! Manchmal denke ich an den Schweizer Astronauten  Claude Nicollier, der die Erde aus noch viel grösserer Distanz sehen durfte und einfach nur deren Schönheit wahrnahm. – Und dann holt einen die Realität wieder ein.

Bist du ernüchtert?
Nein, das möchte ich so nicht sagen. Aber ich will nicht bestreiten, dass es auch frustrierende Momente gibt. Anderseits erlebte ich immer wieder so etwas wie einen Ausgleich: Hier klappt etwas nicht, aber dafür an einem andern Ort, wo man es gar nicht erwartet hätte. Wenn ich bei der Lösung eines Problems nicht weiter komme, stelle ich mir die Frage, wie viel Energie ich noch investieren will. Zuweilen macht es Sinn, die Dinge einfach mal ruhen zu lassen.

Ist das Deine grundsätzliche Einstellung? Hat das nicht doch etwas mit Resignation zu tun?
Nein, überhaupt nicht. Meine Signale stehen immer auf Grün. Das ist meine Grundhaltung: Versuchen wirs! Wir werden doch einen Weg finden! Aber es ist mir schon klar, dass sich nicht alle guten Ideen subito verwirklichen lassen. In diesem Sinne bin ich abgeklärter geworden.

Die Problemfelder sind in diesem Job gewiss vielfältigster Natur.
Ja, ich musste nach meinem Berufswechsel sehr viel lernen. In der Fliegerei hatte ich einen gut gefüllten Rucksack, der mir die Gewissheit verlieh, auch in problematischen Momenten – und die gab es! – situationsgerecht zu handeln. Ich hatte grosses Vertrauen ins eigene Können. Und nun galt es, den neuen Rucksack wieder kontinuierlich zu füllen.

Wie hat sich dein Charakter, deine Persönlichkeit, in dieser Zeit entwickelt?
Schwierig zu sagen. Ich begutachte mich kaum selber. Die Ansprüche, die ich an mich stelle, sind nach wie vor sehr hoch. Ich akzeptiere von mir keine Halbheiten. Das erschwert es zuweilen, die richtige Balance zu finden zwischen konzentrierter Arbeit und Freiräumen. Ich habe gelernt, dass ich mich manchmal einfach zurückziehen muss, weg von allen Terminen und Aufgaben. Distanz gewinnen, an ganz anderes denken – oder das Denken überhaupt sein lassen.

Dein Fazit? Deine wesentlichsten Erkenntnisse?
Ich bin ein Ermöglicher, kein Verhinderer. Es darf «hädere» und «tschädere». Dieses Zeichen möchte ich setzen. Dabei ist es mir absolut klar, dass nicht immer alles gelingen kann. Aber jeder Weg, den man begeht, bringt einen weiter, selbst dann, wenn er sich als ein Umweg oder Irrweg erweisen sollte. Man darf einfach das Ziel niemals aus den Augen verlieren. Und nicht vergessen: Auch mal über sich selber lachen! (lacht herzlich)

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