Verleumdung als Kampfmittel

«Lügenpresse» meint eine destruktive journalistische Grundhaltung, die vor allem in Kriegszeiten den Gegner diffamiert. Wer von «Lügenpresse» spricht, versteht sich als ihr Opfer. Nicht zu verwechseln mit «Fake News», bewusst gestreuten Falschinformationen. Aufgepeppt mir reisserischen Schlagzeilen, möglichst schnell und weit verbreitet. Mit der Absicht, politische oder finanzielle Vorteile zu erzielen.

«Lügenpresse halt die Fresse!» – Welch gelungenes germanistisches Spracherzeugnis! Ein Poem von berauschender Qualität, ein Kunstwerk von geschmeidiger Eleganz und einem Vokabular, das jedem Klassiker zu Ehren gereicht hätte. Chapeau! – Eine Zeitlang erschienen die drögen Pegida-Typen regelmässig am Fernsehen und blafften in Endlosschlaufen ihre Hetzparolen in die Kamera. Bis ihnen der Schnauf ausging.

Seit Beginn des 21. Jahrhunderts wird der Begriff «Lügenpresse» – zumal in Deutschland – vorrangig von rechtsextremen und rechtspopulistischen, fremdenfeindlichen und islamophoben Kreisen verwendet. Die Konsequenz von «Lügenpresse» besteht für sie in Gewaltandrohung und tatsächlicher Gewalt gegen Journalisten. Der sächsische NPD-Politiker Andreas Storr sagte zu den Zielen seiner Partei: «Die Redaktionsstuben der Lügenpresse lahmlegen und besetzen – das wird unsere erste Aufgabe sein.» – Haben wir nicht solche Gedanken in jüngerer Vergangenheit schon vom Gröfaz (grösster Feldherr aller Zeiten) und seiner Entourage zu hören bekommen? Mit den bekannten desaströsen Folgen!

Gift und Galle
Der Begriff «Lügenpresse» – er wurde zum Unwort des Jahres 2014 gekürt – reicht zurück bis in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts. Immer in Kriegszeiten machten die Mächtigen ausgiebigen Gebrauch davon. Im Deutsch-Französischen Krieg war die Rede von der «französischen Lügenpresse». Im Ersten Weltkrieg hiess es: «Als vierte Grossmacht [neben Frankreich, England und Russland] hat sich gegen Deutschland die internationale Lügenpresse erhoben, überschüttet die Welt mit Lügen gegen unser herrliches und sittenstrenges Heer und verleumdet alles, was deutsch ist.» Die Nazis geiferten gegen die «jüdisch-marxistische Lügenpresse». Mitten im Kalten Krieg gehörte die «kapitalistische Lügenpresse» zum alltäglichen Wortschatz der DDR-Grössen.

Und jetzt also die Pegida-, AfD- und NPD-Kohorten, denen nichts ferner ist als die objektive Wahrheit. Sie unterstellen den Medien, systematisch «nicht wahrheitsgemäss» zu berichten. «Wahrheitsgemäss» nach der Vorstellung der Rechten hat allerdings wenig mit Ausgewogenheit, effektiven Fakten und vertrauenswürdigen Quellen zu tun. Es geht vielmehr darum, das Vertrauen in die Medien generell zu schwächen. «Seriöse Quellen? – Braucht kein Mensch.»

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Sprachsümpfe allenthalben
Man hüte sich davor, die Intelligenzija der «Lügenpresse»-Brüller allein in Deutschland zu orten! Herr Trump führt uns fast täglich die internationale Dimension dieser Haltung vor Augen. Einer seiner glühendsten Anhänger, der amerikanische Neonazi Richard Spencer, griff den Germanismus «lugenpresse» auf und kritisierte einen allzu freundlichen Umgang mit Minderheiten und Juden. Der italienische Populist Beppe Grillo zielt in gleicher Absicht auf die Medien: «Die Zeitungen und die Nachrichtensendungen sind die ersten, die im Land falsche Nachrichten produzieren.» Die AZ kommentierte: «Dass Grillo das Wort Lügenpresse noch nicht in den Mund genommen hat, dürfte einzig daran liegen, dass es dafür keinen vergleichbaren italienischen Ausdruck gibt.» Grillo weiss übrigens, wie gegen die «Lügenpresse» vorzugehen sei. Er will einen «Volksgerichtshof» – auch schon gehört? – schaffen, der die «verbrecherischen» Chefredaktoren dazu verurteilt, öffentlich zu Kreuze zu kriechen. Der mittelalterliche Pranger lässt grüssen! Zur Illustration ein Auswurf von Grillo: «Nicht wir sind Populisten – die wahren Idioten, Demagogen und Populisten sind die Journalisten und Intellektuellen des Regimes, die im Sold der grossen Mächte stehen.»

«Lügenpresse»-Schmäh in Deutschland, in den USA, in Italien, auch in Marine Le Pens französischen Kreisen und in der Türkei von Erdogans Gnaden. Und bei uns? Der SVP-Politiker Christoph Mörgeli schrieb in der Weltwoche: «Für Lügengeschichten winken Ansehen und Geld. Vor allem beim Zürcher Journalistenpreis.» Die gleiche Zeitung setzte einen verwirrenden Gedanken in die Welt: «Lügenpresse oder Meinungspresse? – Ansichtssache.»

«Lügenpresse» im Fokus
Das Forum Fokus Ethik Thun befasst sich am 6. April von 09.30 bis 15.15 Uhr mit Wahrheit und Lüge. Dabei gilt das besondere Augenmerk der Presse. Moderiert wird der Tag von der Medienfrau Sonja Hasler («Tagesgespräch», «Rundschau», «Arena», «Persönlich») und von der Philosophin, Autorin und Medienfrau Barbara Bleisch («Sternstunde Philosophie»).

Namhafte Persönlichkeiten machen sich Gedanken über die folgenden Themen:
Einleitung: Wieviel Wahrheit braucht der Mensch? (Rüdiger Safranski; Philosoph, Schriftsteller)
Wahrheit und Macht: Wieviel Wahrheit braucht der Staat? Macht und Ohnmacht. (Flavia Kleiner; Co-Präsidentin Operation Libero. Roger Köppel; Nationalrat, Verleger. Rüdiger Safranski; Philosoph, Schriftsteller)
PR und Medien: Wahr ist, was gefällt. (Sylvia Egli von Matt; Vizepräsidentin Eidgenössische Medienkommission)
PR und Medien: Wieviel Information erträgt/braucht der Mensch? (Esther Girsberger, Journalistin, Moderatorin, Autorin)
PR und Medien: Die Kunst der Wahrheit. (Sylvia Egli von Matt. Esther Girsberger. Viktor Schmid; Partner Hirzel/Neef/Schmid Konsulenten, Bern. Philipp Tingler; Schriftsteller, Philosoph. Res Strehle; Qualitätsmonitoring Tamedia, Präsident Schweizer Journalistenschule MAZ)

Die Veranstaltung ist öffentlich. Anmeldungen bis spätestens am 31. März über die Website fokusethik.ch/anmeldung.

Kontakt

Fokus Ethik
c/o KKThun AG
Kultur- und Kongresszentrum Thun
Seestrasse 68
CH-3604 Thun

T +41 33 334 99 00
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