Hirsche entspringen dem Ameisenhaufen

John Deere Traktor

Vor einigen Jahren – noch bevor der Begriff «Industrie 4.0» überhaupt geprägt war – standen wir in Mannheim vor dem Tor 1. – Tor 1: Zutritt in eine eigene, in sich geschlossene Welt. Die Welt von John Deere.

John Deere ist der Name eines Schmieds, der von 1804 bis 1886 im amerikanischen Bundesstaat Illinois lebte. Er widmete sich dem Bau von landwirtschaftlichen Geräten, vor allem von Pflügen. Aus einer einfachen Werkstatt wurde ein Weltkonzern, Marktführer im Bereich Landtechnik. Umsatz: über 36 Milliarden Dollars; etwa 60’000 Beschäftigte weltweit.

Ein faszinierender Organismus
Im Zutrittsbereich der John Deere Mannheim prangt, wie auf allen von diesem Unternehmen gebauten Maschinen, neben dem Schriftzug – ein Hirsch! Was im ersten Moment überrascht – ein Hirsch hat doch mit Landwirtschaft so gut wie gar nichts zu tun –, erklärt sich aus der Übersetzung des Namens. Auf Englisch bedeutet «deer» so viel wie Reh oder eben Hirsch. Ist denn das Traktorenwerk John Deere auch ein Hirsch unter seinesgleichen? Und warum? Diesen Fragen gehen wir nach. Wir betreten das Gelände.

Die Werkhallen wirken von aussen sehr nüchtern. Industriebauten halt. Gerade jetzt ist auf dem Areal kaum Bewegung auszumachen. Ganz anders im Innern der Hallen. Da ist Betrieb wie in einem Ameisenhaufen. Ein breites Transportband schlängelt sich zwischen Werkinseln vorwärts, vorwärts, immer vorwärts. Sehr gemächlich, aber stetig. Begleitet wird es von kleinen Arbeitsteams, die höchstens 12 Mann zählen. Mit professioneller Gelassenheit bauen sie auf dem langen Weg durch die Produktionshallen alljährlich um die 29’000 Traktoren. Die so nie gesehene Geschäftigkeit ist von grösster Faszination. Das Ganze ist einem Organismus vergleichbar, in dessen Hauptschlagader ein Traktor nach dem andern entsteht. Ich möchte am liebsten stehen bleiben und das Ganze auf mich einwirken lassen.

Doch die Führung hat viel vor mit uns: die Getriebe-, die Motorenproduktion, die Lackier-Abteilung, die Verbindung der Achsen mit dem Getriebestrang und dem Motor, die Montage weiterer Baugruppen wie der Kabine und der Reifen. «Darf ich Sie bitten?» Es muss weiter gehen. Insgesamt legen wir auf dem ausgedehnten Gelände mehrere Kilometer zurück. «Kommen Sie, es geht weiter!» Wieder rollt ein neuer Traktor vom Band. Einer von weit über 200 an diesem Tag. Er wird auf Herz und Nieren geprüft, der Motor, die Bremsen. So, jetzt ist er bereit zum Abtransport. Der Lastwagen wartet schon.

 

Chaplin würde sich freuen
Ein Ameisenhaufen, ein Organismus, eine lebendige, eine «intelligente» Fabrik! Sie weiss ganz genau, wann welches Teil an welchem Ort des Ablaufs zur Montage bereit stehen muss. Nicht zu spät und nicht zu früh, sonst wird es möglicherweise vom falschen Team in das falsche Modell eingebaut. Denn hier ist nicht Fliessbandarbeit das Thema, wie damals bei Charlie Chaplin. Die «intelligente Fabrik» ist in der Lage, diese an sich schon verblüffende logistische Aufgabe zu bewältigen. Doch sie erkennt auch, wenn der Vorrat eines benötigten Teils zur Neige geht, und sie veranlasst selbsttätig und rechtzeitig den Nachschub. Unterbrüche dürfen nicht sein, schon gar nicht wegen solch lapidarer Ursachen.

Wenn es in diesem ganzen Organismus aus irgendwelchen Gründen zu einem Stillstand kommt, hat das gravierende Auswirkungen. Erhebliche finanzielle Konsequenzen sind die Folge. Um das zu vermeiden, kommen die Qualitäten der «intelligenten Fabrik» zum Tragen. Wie zum Beispiel Informationen in Echtzeit, Erkennen von Schwachstellen, Verarbeitung von Aufträgen, Organisation des Abtransports fertiger Traktoren und vieles mehr.

Da stehst du daneben und staunst: Im Unterschied zu dem, was Chaplin in «Modern Times» durchmacht, sind die Leute mit grosser Gelassenheit an der Arbeit. Sie wissen und erleben es Tag für Tag: All das klappt! Die Fabrik entlastet die Monteure. Stress ist nicht zu beobachten, nirgends. Stattdessen grüssen sie freundlich. Und einige lächeln.

Schon gewusst,…

…dass in den John-Deere-Werken Mannheim 29 verschiedene Traktormodelle mit 2’500 unterschiedlichen Optionen (Bestellvariationen) gebaut werden?

…dass nur jeder 18’000ste Traktor genau gleich ist?

…dass der Zusammenbau eines Traktors in Mannheim vom Getriebe bis zum fertigen Traktor etwa 15 Stunden dauert?

…dass täglich über 180 Traktoren vom Endmontageband der John-Deere-Werke Mannheim fahren?

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