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Wenn der Knopf aufgeht

Am Anfang sah alles wenig vielversprechend aus. Es gab so viele andere, lustigere und spannendere Dinge als den öden Schulstoff. Wer wollte denn das Leben auf Grammatik, mathematische Formeln und Französisch-Vokabeln beschränken, wenn die Kollegen und Francesco Hofer selbst vor Ideen nur so sprühten. So machte er es sich in der Realschule während vier Jahren bequem. Er schildert es drastisch: «Ich suchte den Weg des geringsten Widerstands. Wir machten in dieser Zeit nur Seich.»

Da zeigte sich ein erstes Talent: Fussball. Eine Sportlerkarriere schien möglich. Oder doch der Einstieg ins Berufsleben? Im Verlaufe des zehnten Schuljahres verschaffte sich Francesco Klarheit. Unter anderem mit einer Schnupperlehre.

Er hätte sich nun irgendwo und irgendwie melden können. Doch Francesco bewarb sich gezielt bei einem Elektro-Unternehmen und bestand darauf, sich vorzustellen: «Ich wollte mich präsentieren.» Und er wollte sich schon vorgängig ein Bild vom Team und dem beruflichen Umfeld machen – ungewöhnlich für einen 16jährigen Jugendlichen!

Eine Lehre und noch eine
Die Fussballer-Karriere war vom Tisch. Francesco bekam die Lehrstelle als Montage-Elektriker. Drei Lehrjahre, wenig Theorie, eher oberflächlich, ein Mal pro Woche Berufsschule in Rheinfelden. Der junge Mann fühlte sich unterfordert. Nach Lehrabschluss hängte er sofort die Lehre als Elektro-Installateur an, dank seiner Vorkenntnisse auf zwei Jahre reduziert. Der Ehrgeiz war geweckt. In der Berufsschule Brugg und in der praktischen Ausführung seines Berufs durchlief Francesco eine bemerkenswerte Entwicklung von Laissez-faire zu einem zielgerichteten Berufsweg. Hier, am Berufs- und Weiterbildungszentrum BWZ Brugg traf er auf Lehrer, die seine Fähigkeiten erkannten und ihn förderten. Auf ein Unterrichtsprogramm, das ihn interessierte. Auf eine in jeder Hinsicht motivierende Umgebung. Der Lehrabschluss war Formsache.

Dann war das Vaterland an der Reihe, insgesamt 46 Wochen in Bière, bei der Artillerie. Zurück im Zivilleben arbeitete Francesco einige Monate temporär. Sein Ehrgeiz führte ihn 2012 für ein halbes Jahr zu einem Sprachaufenthalt an die Westküste der USA. Dem Realschüler stand das Cambridge First Certificate vor Augen. «Ich traf spannende Menschen aus allen Herren Länder, zum Beispiel einen Koreaner, mit dem ich mich auf Anhieb sehr gut verstand. Wir haben uns seither schon zwei Mal getroffen. Einmal in Japan und danach in Korea, wo er mich mit jener fremden Welt und ihren Sitten vertraut machte, ein zweites Mal hier in der Schweiz.»

Von der Baustelle ins Büro
Wieder in der Heimat steckte sich Hofer ein neues Ziel. Die Arbeit draussen auf der Baustelle hatte ihren Reiz weitgehend verloren. Stattdessen begann er sich für planerische Aufgaben zu interessieren. Bauleiter, Sachbearbeiter – dorthin sollte sein Weg führen. Er schrieb sich an der ABB Technikerschule in Baden ein und studierte berufsbegleitend während drei Jahren Energietechnik. In seiner Diplomarbeit erstellte er für die Gemeinde Windisch eine Energiestudie zum Schulhaus Dohlenzelg. Die Arbeit umfasste einen schriftlichen Teil, je eine Präsentation in der Gemeinde Windisch und an der Technikerschule sowie eine mündliche Befragung. «Es war sehr streng und zeitintensiv.» Doch jetzt darf sich Francesco Hofer, der ehemalige Realschüler, diplomierter Techniker nennen.

Als Projektleiter ist er heute das Gesicht seiner Firma. Man vertraut ihm grössere Projekte an. Im Moment ist er in Winterthur anzutreffen. Der ganze Bahnhof wird mit neuen elektrischen Anlagen ausgerüstet. Die Verantwortung für das Vorhaben trägt Francesco Hofer.

Neue Ziele
Und jetzt? Ist er am Ende der Fahnenstange? – Keineswegs! «Ich suche nach neuen Herausforderungen. Was steht mir offen? Sollte ich meine Kenntnisse in Technik weiter vertiefen? Ein Masterstudium? Oder eine Tätigkeit als Berufsschullehrer?» Hofer entschied sich anders. Er hatte sein Interesse an der Wirtschaft entdeckt. Nun will er ab April 2018 an der Fachhochschule einen Wirtschafts-Lehrgang absolvieren. Während zwei Jahren jeweils zwei Tage pro Woche. «Bei mir geschieht alles etappenweise. Ein Ziel nach dem andern. Nicht die grosse, weiträumige Linie, sondern laufend eine neue Standortbestimmung, ein Sich-Besinnen über die Marschrichtung.»

Die Berufsschule Brugg hat wesentlich zur beruflichen und persönlichen Entwicklung von Francesco Hofer beigetragen. Fördernde und motivierende Einflüsse erlebte er in einem Alter, wo wichtige Weichen für das weitere Leben gestellt werden.

Gegen Schluss des Gesprächs sagt er etwas Unerwartetes: «Ich weiss gar nicht so recht, was an mir und an meinem Berufsweg so besonders sein soll.» Er lächelt nicht. Keine Effekthascherei, sondern ehrliche Verwunderung.

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Applaus für Forstwarte

Die Tannzweige und die Holzschnitzel im Foyer der Berufsschule Brugg verströmen einen harzigen Duft. Forstwartlehrlinge haben den Raum gestaltet. Heute ist ein wichtiger Tag für die angehenden Berufsleute. Ihre Eltern, ihre Freunde und Freundinnen, ihre Lehrmeister haben sich eingefunden. Einer der Lehrlinge heisst sie willkommen zur Präsentation der Herbarien. Auch Richard Plüss, selber Förster, Berufsschullehrer und Politiker, ergreift das Wort. Er verweist auf die fantasievolle Gestalt der Herbarien und auf ihre inhaltliche Qualität. Jeder Forstwart-Lehrling musste die Bäume und Sträucher im Holz, in der Rinde, im Zweig, im Blatt und als Frucht sammeln und richtig beschriften.

Die Besucher staunen. Die allermeisten Herbarien zeugen vom Willen der Lernenden, Aussergewöhnliches zu schaffen. Weit über der Norm. Da hat einer nach eigenen Plänen einen grossen Tisch gebaut, das Tischblatt als Glasplatte, unter der die Exponate zu sehen sind. Eine weitere Eigenkonstruktion: Ein Schrank mit Schubladen, jede einzelne einem Baum oder Strauch gewidmet. Mit berechtigtem Stolz präsentieren die Lehrlinge ihre Arbeiten. Applaus.

Kompetenzen sammeln
Richard Plüss sieht vielfältigen Sinn in den Herbarien. Stichworte sind langfristige Planung, Zeitmanagement, Artenkenntnisse, ansprechende Darstellung, Durchhaltewillen, Exaktheit, Geschick und schliesslich Mut bei der Präsentation vor einem kritischen und zum Teil fachkundigen Publikum sowie vor der Presse. Alles Eigenschaften, die einen Forstwart auszeichnen. Besonders jene, die eine Weiterbildung anstreben, zum Vorarbeiter, zum Forstwart-Meister, zum Förster oder sogar zum Forstingenieur. Viele Wege stehen offen. Den eigenen Neigungen entsprechend befindet sich der zukünftige Arbeitsplatz im Wald oder im Planungsbüro, an der Maschine oder in der Baumschule.

Richard Plüss im Schulzimmer des BWZ Brugg

Richard Plüss – ein wenig Spass im Schulzimmer

Angehende Forstwarte im zweiten Lehrjahr
Konzentriertes Arbeiten im Lehrgang für Forstwarte

Ein vorbildliches Herbarium; jede Baum- und Strauchart auf einer Schautafel. Dieses Herbarium ziert jetzt eine Wand im Werkhof des Forstbetriebs Homberg-Schenkenberg

Dieses sorgfältig angelegte Herbarium besteht aus einer grossen Zahl von Schaubildern

Das Herbarium im verschliessbaren «Koffer» umfasst 32 Baum- und Straucharten

Nathalie Thomé ist eine der wenigen jungen Frauen im Aargau, die sich zur Forstwartin ausbilden lassen. Nach dem Abschluss der Kantonsschule hat sie sich zu dieser Zweitausbildung entschlossen. «Die meisten Berufskollegen respektieren mich.»

Nathalie hat den Fallkeil herausgesägt. Jetzt bestimmt sie die genaue Fallrichtung des Stammes. «Wir sind fast bei jedem Wetter draussen. Mich stört das nicht.»

Versehen mit Schutzkleidung, Helm und Gehörschutz setzt Nathalie die schwere Kettensäge an. «Manchmal bin ich richtig durchnässt.»

Die Späne fliegen; bald wird der Baum fallen. «Bei miesem Wetter gehen wir über Mittag in ein Restaurant oder sonst an einen geschützten Ort.»

Förster Rolf Treier überwacht den Fortgang der Arbeiten. Mit dem Zangenschlepper holen die Forstwarte die gefällten Stämme auf den vorgesehenen Lagerplatz

Das Forstteam bespricht das weitere Vorgehen: Es darf auch mal gelacht werden. Links die Forstwart-Lernende Nathalie Thomé. «Vielleicht nehme ich später ein Forstingenieur-Studium auf.»

Ein Blick in den Werkhof des Forstbetriebs Homberg-Schenkenberg zeigt: Hier wird mit schwerem Gerät gearbeitet

Im Zeitalter der Mechanisierung haben kleine Handgeräte noch immer ihre Bedeutung 

Forstwart: Ein vielseitiger Beruf. Bäume pflanzen, pflegen, erziehen, schlagen ist nur ein kleiner Teil des Berufsbildes. Er kennt Schädlinge und Nützlinge. Die Holzkunde ist ein wesentlicher Teil, und er weiss, wie die geschlagenen Stämme sinnvoll verwertet werden. Die Möbelschreiner stellen andere Anforderungen als die Papierindustrie und die Käufer von Schnitzelholz. Dank technischem Verständnis hat der Forstwart Zugang zu einem umfangreichen Maschinenpark von der einfachen Spaltmaschine bis zum Schlepper, von der Motorsense bis zur schweren Kettensäge, vom Häcksler bis zum Vollernter, der Bäume innert weniger Minuten fällt, abastet und in genormte Längen sägt. Die Arbeit mit Maschinen und deren Pflege gehört zum Alltag.

Weitere Wissensfelder sind der Strassenbau und die Anlage von Kleinbauten und Entwässerungsmassnahmen. Einen immer höheren Stellenwert hat der Naturschutz. Dann die Jagd, die Öffentlichkeitsarbeit, das Forstrecht, das Fachrechnen (Maschinen-Kalkulation, Verrechnung von Arbeitsleistung) … Die Liste ist längst nicht abschliessend.

Die Sinne schulen
Richard Plüss verschafft den Jünglingen noch einen völlig andern Zugang zum Wald. «Selbstverständlich bleiben wir nicht die ganze Zeit im Schulzimmer. Im Wald entwickeln meine Schüler mit praktischen Übungen Gefühle für den Wald und für einzelne Bäume. Die Beziehung zum Baum mit allen Sinnen. Seinen Geruch aufnehmen, die Wärme der Stämme spüren, die Struktur der Rinde fühlen. Mit dem Baum reden. Ihn erleben.» – «Sind die Schüler offen für solche Erfahrungen?» – «Durchaus. Voraussetzung ist, dass sie den Sinn davon verstehen. Emotionen haben im Wald einen hohen Stellenwert.»

Wer im Wald tätig ist, denkt in weiten Zeiträumen. Eine Fichte braucht gegen 100 Jahre bis zur Schlagreife. Eine Eiche sogar 300 Jahre. «Wir arbeiten an der Zukunft unseres Systems. Damit leisten wir einen Beitrag zur Stabilität der Gesellschaft. Das vermittle ich meinen Schülern.»

Grundlagen im BWZ
Das theoretische Rüstzeug erhalten Aargauer Forstwart-Lernende im Berufs- und Weiterbildungszentrum Brugg. Die drei Jahre dauernde Lehre umfasst einen Schultag pro Woche, insgesamt 900 Lektionen über Themen wie Aufgaben und Bedeutung des Waldes, Waldbau, Forstschutz, Holzkunde, Gesellschaft, Sprache und Kommunikation. Alljährlich besuchen rund 30 Forstwart-Lehrlinge die Berufsschule Brugg.

Forstwart – eine Ausbildung für witterungsfeste Jünglinge mit Freude an der Natur. Ausgestattet mit Sinn fürs Praktische ebenso wie mit Sensibilität gegenüber Mensch, Natur und Landschaft.

Weitere Informationen:
codoc.ch (Ausbildungsfragen in der Waldwirtschaft)
kwl-cfp.ch (Konferenz für Wald, Wildtiere und Landschaft)
sia-wald.ch (Fachverband Wald)

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Und dann ab ins Ausland!

«Mein Lehrbetrieb ist gleich um die Ecke; ich könnte in den Pantoffeln hingehen.» – «Voll cool, ich muss zu Hause nie etwas lernen.» – «Mein Lehrmeister lässt mich in Ruhe; er verlangt kaum etwas von mir.» Wenn sich der berufliche Ehrgeiz auf solche Aussagen reduziert, dann gute Nacht! Ausgeschlafene Jugendliche wählen ihre Lehrstelle nicht nach dem Bequemlichkeits-Prinzip.

Die kaufmännische Ausbildung macht niemand mit links. Sie verlangt den Lernenden viel ab. Aber sie eröffnet ihnen auch spannende Möglichkeiten. Das bestätigt Susanne Mauerhofer. Sie arbeitet in Aarau bei den Beratungsdiensten für Ausbildung und Beruf Aargau. Dort ist sie als Teamleiterin Berufs-, Studien- und Laufbahnberatung tätig. «Das KV ist unter den Jugendlichen absolut angesagt. Übrigens auch bei den Eltern. Denn es ist der Start in eine vielversprechende berufliche Karriere.»

Englisch ist Standard
Frau Mauerhofer, «berufliche Entwicklung» – was meinen Sie konkret damit?
Ich denke an den Zugang zu einem weiten geografischen Raum. Gerade die Grossbetriebe schicken ihre Lehrabgänger gerne ins Ausland, etwa nach England oder in die USA. Für viele Jugendliche eine interessante Perspektive: Ab ins Ausland, sich mit andern Gepflogenheiten zurechtfinden, Sprachkenntnisse vertiefen, den Horizont erweitern, selbständig werden.

Mauerhofer weiss: «Internationale Kontakte finden bei vielen Unternehmen bereits am Computer statt. Das trifft besonders auf exportorientierte Firmen zu oder auf die Tourismus-Branche wie die Hotellerie oder die Reisebüros. Entsprechend hoch ist der Stellenwert fundierter Sprachkenntnisse. Englisch ist Standard. Und Französisch ist dort wichtig, wo Unternehmen gesamtschweizerisch tätig sind.» Mauerhofer verweist ferner auf Grossbetriebe, wo gemischtsprachige Teams zusammenarbeiten. Das kann in der Technologie oder im Energiesektor der Fall sein. Sprachgewandte Mitarbeiter sind gesucht. Und wer seine Sporen im Ausland abverdient hat, der hat ohnehin gute Karten für seine weitere berufliche Entwicklung.

Schulmüde?
Frau Mauerhofer, welche Voraussetzungen sind für eine kaufmännische Ausbildung gefordert?
Schulmüdigkeit ist jedenfalls fehl am Platz, denn die Lernenden müssen ein strenges Berufsschulprogramm absolvieren. Wichtig ist ein breit gefächertes Interesse, das bei sprachlichen und mathematischen Belangen anfängt, aber auch Freude am Organisieren, Strukturieren und Verwalten umfasst. Dazu kommen die branchenspezifischen Anforderungen, die bei einer Bank ganz anders aussehen als in einem Garage-Betrieb. Auch wenn die KV-Lernenden nicht selber Hand anlegen müssen in der Werkstatt, in der Krankenpflege, in der Spedition, im Labor, auf der Baustelle oder wo immer sie tätig sind, so ist eine Affinität zum Betrieb doch unbedingte Voraussetzung.

Susanne Mauerhofer über die Vorteile einer kaufmännischen Ausbildung

Nach wie vor gelten kaufmännische Lehrstellen bei Dienstleistungsfirmen und in der Administration als besonders prestigeträchtig und darum gesucht, also bei Banken, Versicherungen oder bei der öffentlichen Verwaltung. Das Interesse für eine KV-Lehre in einem Technik- oder Handwerksbetrieb ist bei jungen Frauen deutlich geringer. Oft sehen Jugendliche mit Migrationshintergrund gerade hier eine für sie passende Option.

Wie stehen die Chancen, eine kaufmännische Lehrstelle zu finden?
Wenn der Schulabgänger gute Noten hat und eine gewisse Beweglichkeit bezüglich Branche und Arbeitsort, sind die Chancen gut. Am allerwichtigsten ist aber sein motivierter Auftritt, zum Beispiel anlässlich der Schnupperlehre und des Vorstellungsgesprächs.

Einige Zahlen
Der kantonale Lehrstellennachweis veröffentlichte am 19. Dezember 2016 aktuelle Zahlen. Damals waren von insgesamt 576 kaufmännischen Lehrstellen bereits 413 besetzt. Immerhin blieben noch 163 frei. In der öffentlichen Verwaltung waren von 83 Lehrstellen nur noch 8 frei. In der Bankbranche waren alle 72 besetzt. Besser sah es bei «Dienstleistung und Administration» aus; hier waren von 179 KV-Lehrstellen noch 65 frei.

Knapp 30% aller KV-Lehrstellen waren am 19. Dezember noch frei. Dazu der Vergleich mit andern Berufsgruppen: Im Gastgewerbe waren mehr als 50% der Lehrstellen noch zu besetzen. In der Gruppe «Metall und Maschinen» waren noch knapp 65% offen, in der Gebäudetechnik 78% und im Baufach gar 82%, nämlich 92 von 112! Ganz anders sah es bei der Informatik aus. Hier waren von 84 Lehrstellen nur noch 15 frei, also knapp 18%.

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«Mach mehr aus dir!»

Pfadi, Jungwacht, Jubla oder Jungschi – erinnern Sie sich? Samstag für Samstag die tollsten Abenteuer. Ein Feuer im Wald, ein Floss auf der Aare, Spuren suchen, – und ohne Trara und Moralin Wesentliches für das Leben lernen: Im Team arbeiten, Unannehmlichkeiten ertragen und überwinden, andern ein Beispiel sein, Selbstvertrauen aufbauen, Führungsfunktion übernehmen.

«Ein Pfadfinder trägt Verantwortung.» So steht es im Pfadfindergesetz von 1976, in der Zeit, als Ursula Renold bei den Pfadi mitmachte. Hier sammelte Renold erste Führungserfahrungen, sie übte sich im Organisieren, und sie übernahm Verantwortung für ihre Gruppe. Rückblickend sagt sie: «Die Pfadfinder hatten einen hohen Stellenwert für mich.» Und einen nachhaltigen!

Verantwortung übernehmen – eines der Prinzipien, das sie ihr ganzes Leben begleitete. Als Direktorin des Bundesamtes für Berufsbildung und Technologie war sie verantwortlich für einen grossen Sektor des schweizerischen Bildungswesens. Als Präsidentin des Fachhochschulrates FHNW trägt sie die Verantwortung für die Fachhochschulen der Kantone Aargau, Basel Landschaft, Basel Stadt und Solothurn.

Das wahre Leben
Von allem Anfang an verstand Ursula Renold den Begriff «Bildung» als etwas Ganzheitliches. Nach den obligatorischen neun Jahren hatte sie die Nase voll von der Schule. Sie suchte «das wahre Leben». Unterstützt von ihren Eltern, trat sie eine kaufmännische Banklehre an, zugleich «eine Entdeckungsreise in die Welt der Erwachsenen». Warum ausgerechnet in der Bank? «Ich wollte verstehen, wie Geld funktioniert.» – Ein weiteres zentrales Prinzip im Leben von Ursula Renold: das Verstehen-Wollen. Dem lebt sie heute mit derselben Intensität nach, jetzt als Leiterin eines Forschungsbereich in dem sie international Bildungssysteme vergleicht. «Erkunden, kennenlernen» sind pfadfinderische Eigenschaften. Dort eher in der Natur; für Renold in ihrem Forschungsteam an der ETH Zürich ist es nun die Verminderung der weltweiten Jugendarbeitslosigkeit.

Ganz ohne Schule gings nicht, aber: «Ich war viel lieber in der Bank als in der Berufsschule.» Und doch war es in der Berufsschule, wo sie einen wesentlichen Motivierungsschub erlebte. Früh erkannten die Lehrer ihr Potenzial: «Mach mehr aus dir! Du kannst mehr!» Die junge Lehrtochter nahm ein Fernstudium auf und erlangte auf diesem Weg die Maturität. Das charakterisiert sie bis heute: Das Eine tun und das Andere nicht lassen. Bildung und Forschung. National und international.

Auch die Internationalität, das weite Blickfeld, ist in der Jugendbewegung verwurzelt. Die Pfadfinder bilden eine weltweite Gemeinschaft, erlebbar zunächst in Gruppenstunden und dann in den grösseren Kreisen von Lagern und internationalen Begegnungen. – Ab 2012 hob Ursula Renold ihr Tätigkeitsfeld auf eine internationale Ebene. Sie absolvierte ein Forschungssemester an der Harvard-Universität in den USA. Zurück in der Schweiz engagierte sie sich wiederum in Bildungsthemen. Sie arbeitet an der Reform der Berufsbildungssysteme anderer Länder mit dem Ziel, die Jugendarbeitslosigkeit zu verringern. Sie baut die Zusammenarbeit mit Universitäten und Bildungsverantwortlichen auf, unter anderem mit den USA, mit Serbien, Hongkong, Singapur, Nepal, Indien und Südafrika. Nicht in einem imperialistischen, sondern in einem einfühlsamen Sinn: «Man muss die Kultur des betreffenden Landes verstehen, um einen aufbauenden Dialog zu führen, der zu Entwicklungsschritten führt, die Eigenart, Rahmenbedingungen und Geschichte eines Landes respektieren.»

Die beste Startplattform
All das basiert auf der KV-Lehre! «Ich empfehle eine KV-Lehre als beste Startplattform. Die Berufslehre zur Kauffrau/zum Kaufmann ist in der Schweiz – im Unterschied zum Ausland! – eine Allbranchen-Ausbildung. Es sind 21 Branchen, die 60 Prozent der Ausbildung gemeinsam absolvieren. Nur 40 Prozent sind berufsspezifisch. Dadurch eignen sich die Lernenden eine breite Allgemeinbildung und vielfältige Kompetenzen an. Diese Lehre wird so zum Sprungbrett für alle erdenklichen Weiterbildungen bis hin zu einem Universitätsstudium.» Und Renold fährt fort: «Das KV ist eine hervorragende Option für ehrgeizige Jugendliche, die gern Kundenkontakt haben, sei es am Telefon oder auf dem Korrespondenzweg. Heute spielt sich vieles auf internationaler Ebene ab. Die Computertechnologie und das Internet bieten ganz andere Möglichkeiten, als sie uns Ende der 1970er-Jahre offen standen.»

 

Der Blick in die Ferne ist immer auch ein Blick in den Spiegel: Wie machen wir es? Was ist in der Schweiz wichtig? Welchen Standard haben wir erreicht? Ursula Renold, die alle Aspekte unserer Berufsbildung kennt, ist bei diesen Fragen klar: «Wir haben in der Schweiz ein Bildungsparadies, und zwar in vielerlei Hinsicht. Bei den Strukturen ebenso wie bei den Lehrplänen und dem Unterrichtsniveau, auch bei den zur Verfügung stehenden Mitteln und den Baulichkeiten, in denen Bildung vermittelt wird. Wenn ich das mit manchen ausländischen Schulen oder Universitäten vergleiche …» Nachdenklich fügt sie hinzu: «Wir meckern auf hohem Niveau, meinen, alles Erreichte sei selbstverständlich!»

Wie sehen Sie Ihren weiteren Weg?
Ich habe in der Forschung noch viel vor, will alles verstehen, und diese Haltung kann ich an der ETH ausleben. Es geht um die Frage: Was können wir tun, um die Jugendarbeitslosigkeit in verschiedenen Ländern zu mildern? Welche Instrumente sind da erfolgversprechend?

Wissen Sie von weiteren Persönlichkeiten, die ihren Berufsweg mit einer KV-Lehre begonnen haben?
Da fallen mir die beiden Top-Banker Sergio Ermotti und Oswald Grübel ein.

Was würden Sie bei einem beruflichen Neubeginn anders machen?
Nichts. Ich freue mich über das Erreichte. Es ist möglich, sich auf der Basis einer KV-Lehre ein Leben lang zu entwickeln.

In einem Grundsatzpapier steht: Die Pfadfinderbewegung trägt zur Entwicklung junger Menschen bei. Dies betrifft ihre körperlichen, intellektuellen, sozialen und geistigen Anlagen. Sie sollen ihre Fähigkeiten als Mitglieder ihrer örtlichen, nationalen und internationalen Gemeinschaft einsetzen. Ursula Renold hat diese Leitsätze auf exemplarische Weise verinnerlicht.

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«Ich bleibe gewiss nicht stehen»

Hey, ihr Jugendlichen! Wie geht es weiter nach der Schule? Habt ihr euch entschieden? Nein? Schon überlegt, ob eine KV-Lehre infrage käme? KV-Lehrstellen gibt es in jeder Branche. Handwerksbetrieb, Maschinenbau, Handel, Verwaltung, Spital, Reisebüro – überall! Keine andere Lehre bietet euch diese Auswahl. Nach drei Jahren habt ihr das eidgenössische Fähigkeitszeugnis in der Tasche, vielleicht sogar die Berufsmatur. Und dann startet ihr durch. Thily Kirchhofer aus Windisch ist auf dem besten Weg dahin.

Schritt in die Selbständigkeit
Thily Kirchhofer, 19 Jahre jung, steht im dritten Lehrjahr ihrer KV-Ausbildung. Auch in Sachen Berufsmatura rückt das Ziel näher. «Schaffen Sie die Berufsmaturität?» Die Antwort kommt ohne das geringste Zögern und ohne Einschränkung: «Ja.» Punkt. Ein gesundes Selbstbewusstsein. Die Frau weiss, was sie will.

Nach der Bezirksschule zog es Thily ins Berufsleben. «Ich wollte arbeiten, selber Geld verdienen, unabhängig sein, die Berufswelt kennenlernen.» Die Kantonsschule war also keine Option. Thily erwog zunächst eine Ausbildung zur Medizinischen Praxisassistentin. Doch dann wuchs ihr Interesse an einer KV-Lehre. Nach den beiden Schnuppertagen beim Schweizer Bauernverband war alles klar. Sie bewarb sich um die Stelle und bekam den Zuschlag. Diesen Schritt hat sie noch keinen Tag bereut.

«Es geht längst nicht nur um Arbeiten im Sekretariat und in der Buchhaltung. Meine Aufgaben sind enorm vielfältig.» Immer nach einem halben Jahr wechselt sie die Abteilung. Gegenwärtig ist Thily im Versicherungswesen, bei der Agrisano, der Krankenkasse des Bauernverbandes. Hier gefällt es ihr besonders gut. Sie hat zahlreiche Kontakte mit Versicherten, meist aus einem landwirtschaftlichen Umfeld. Da gibt es zum Beispiel Fragen zu einer Rechnung. Oder zu einem Zahlungsaufschub, zu Ratenzahlungen. Thily kennt das Prozedere und erklärt es den Versicherten. Und jetzt, gegen Jahresende, treffen viele Versicherungsanträge ein von Personen, die ihre Krankenkasse wechseln wollen. Thily erfasst diese Anträge.

Thily Kirchhofer, KV-Lernende im 3. Lehrjahr

Offene Türen
Thily betont: «Eine KV-Lehre ist zweifellos eine gute Grundausbildung, besonders wenn sie mit der Berufsmatura verbunden ist. Fast jedes Unternehmen ab einer minimalen Grösse braucht kaufmännische Mitarbeitende für das Sekretariat und die Buchhaltung, für rechtliche Abklärungen oder Personalfragen, für alle administrativen und organisatorischen Belange.»

Wie geht es für Thily nach der Lehre weiter? «Wenn immer möglich, möchte ich bei der Agrisano bleiben. Die Arbeit ist nicht nur abwechslungsreich, sondern hat auch eine soziale Komponente; ich höre von finanziellen Engpässen oder andern schwierigen Situationen. Da kann ich mit meinem Wissen helfen. Eine andere Möglichkeit wäre ein FH-Studium. Sicher ist, dass ich nicht stehen bleibe. Weiterbildung ist mir extrem wichtig.»

Was zählt, ist die Person
Karin Wisler betreut die KV-Lehrlinge beim Schweizer Bauernverband. Sie kennt den Betrieb aus dem FF, hat sie doch selber die Lehre hier gemacht.

Frau Wisler, welche Anforderungen stellen Sie an Schulabgänger?
Er oder sie sollte einen Bezirks- oder Sekundarschulabschluss haben. Was wirklich zählt, ist die Person, die Motivation, das Auftreten. Ich bin mir bewusst, dass sich Jugendliche dieser Altersklasse noch stark verändern. Wer in der Schnupperlehre scheu und introvertiert ist, wird später offener und selbstsicherer. Hier haben wir schon erstaunliche Entwicklungen von Jugendlichen miterlebt.

Ist die KV-Lehre eine Option für noch unentschlossene Jugendliche? Eine Verlegenheitslösung?
Ich erlebe beides: Jugendliche, die sich noch nicht für einen Beruf entschieden haben ebenso wie solche, die bewusst und gezielt eine KV-Ausbildung wählen.

Wie beurteilen Sie die Zukunftsaussichten des Berufs?
Tatsächlich ist mit der zunehmenden Automatisierung vieles im Wandel. Routinearbeiten werden schon bald der Vergangenheit angehören, Stichwort Digitalisierung. Der Branchenverband (kaufmännischer Verband) muss die Ausbildung überdenken und anpassen. Firmen aus der IT-Branche, die Swisscom und andere IT-affine Firmen sind schon weit voraus. Sie zeigen auf, wohin der Weg führt.

Aber beim Schweizer Bauernverband  ist die Digitalisierung auch ein Thema?
Selbstverständlich. Beispiele sind die Archivierung, standardisierte Sekretariatsarbeiten oder die Verarbeitung von Arztrechnungen bei der Krankenkasse. Allerdings: Viele unserer Gesprächspartner, die mehrheitlich aus der Landwirtschaft kommen, sind noch nicht digitalisiert. Wir befinden uns also in einer Übergangszeit.

Die KV-Lehre ist eine solide Grundausbildung – sehen Sie das auch so?
Auf jeden Fall! Nach einer KV-Lehre stehen den jungen Menschen in unserem dualen Bildungssystem unzählige Weiterbildungsmöglichkeiten offen. Von der Spezialisierung im gewählten Berufsfeld bis hin zu einem Fachhochschul-Studium. Wenn immer möglich, versuchen wir aber die bei uns Ausgebildeten zu behalten.

Karin Wisler, Berufsbildungsverantwortliche KV im Schweizer Bauernverband Brugg

Einige statistische Angaben:

  • Gemäss dem Schweizerischen Kaufmännischen Verband SKV (LehrabgängerInnen-Umfrage 2015) sind die folgenden Branchen in der Digitalisierung schon weit fortgeschritten:
    Produktion/Industrie
    Finanzdienstleistung
    ICT/Telekommunikation
    Handel und Personalwesen
  • Gut 70% der ausgelernten KV-Berufstätigen blieben im ehemaligen Lehrbetrieb; knapp 30% waren in einem andern Betrieb tätig.
  • Von allen Ausgelernten blieben drei Viertel erwerbstätig. Eine geringe Zahl hatte sich für ein Praktikum entschieden, und rund 5% war auf Stellensuche. 15,8% gaben an: «Ich bin zurzeit nicht erwerbstätig und mache etwas Anderes» (z.B. Weiterbildung, Sprachaufenthalt, längerer Ferienaufenthalt, Militär u. a.).
  • Auf die Frage «Wie gut fühlten Sie sich durch die kaufmännische
    Grundausbildung darauf vorbereitet, eine feste Stelle als Kauffrau/Kaufmann anzutreten?» antworteten über 90% mit «sehr gut» oder «eher gut».
    Schliesslich bestätigten deutlich über 80% der Befragten, ihre Erwartungen an die kaufmännische Grundausbildung hätten sich erfüllt.

Die 7 beliebtesten Branchen für KV-Lehren
(Quelle: Lehrvertragsstatistik des Bundesamts für Statistik, Neueintritte 2016)

Dienstleistung und Administration 7 408 Lernende
Öffentliche Verwaltung 1 866 Lernende
Bank 1 163 Lernende
Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie 572 Lernende
Treuhand/Immobilien 542 Lernende
Privatversicherung 449 Lernende
Handel 413 Lernende

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